Zwischen Komödie und Satire
Auf der anderen Seite entwickeln einige Figuren erst im Laufe der knapp zweistündigen Handlung ihre zu Beginn bezweifelte Wichtigkeit. Die mit Feuereifer von Ulrike Kriener («Kommissarin Lucas») verkörperte Flüchtlingshelferin Heike etwa wirkt nur auf den ersten Blick wie ein weitestgehend irrelevanter Stichwortgeber, erweist sich später jedoch als elementar, da sich in ihrer Figur ein ganz bestimmter Beobachtungstypus des Flüchtlingsgeschehens wiederspiegelt. So erzählt «Willkommen von den Hartmanns» zwar im Kern von einer einzelnen, sämtliche politische Meinungen und Nicht-Meinungen in sich vereinenden Familie, noch viel gewitzter und erzählerisch klüger ist allerdings der Einbezug ihres Umfelds. Die Komödie bezieht sämtliche Facetten mit ein, mit denen man sich auseinander setzen muss, wenn man ein komplexes Bild dieser Thematik aufarbeiten möchte. Das Flüchtlingsheim im Film beherbergt also sowohl Hilfesuchende, als auch einen radikaldenkenden Muslimen, die Hartmanns sehen sich nach ihrer Aufnahme von Flüchtling Diallo nicht bloß Zustimmung ausgesetzt und wo andere Filme abblenden würden, wenn ein ganz normales Paar über ein Thema wie die Vollverschleierung spricht, um sich bloß nicht die Finger zu verbrennen, erlaubt sich «Willkommen bei den Hartmanns» eben sehr wohl kritische Worte zur Burka, ohne dabei den Fehler zu begehen, eine Meinung vorzugeben.
Zum Interview mit Regisseur Simon Verhoeven:
'Aktualität ist nicht nur Vorteil, sondern auch Angriffsfläche'In Trailer und Inhaltsbeschreibung heißt es, wir seien alle ein bisschen verwirrt. Und auch, wenn manch einer meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen und für die Gesamtsituation eine alle Probleme beseitigende Lösung gefunden zu haben, so treibt die aktuell vorherrschende, weltpolitische Lage jeden von uns irgendwann an den Punkt der Ratlosigkeit. «Willkommen bei den Hartmanns» kann und will diesen Umstand nicht ändern. Mit Ausnahme dessen, dass Radikalität auf beiden Seiten einfach nur daneben ist, fällt Simon Verhoeven kein allgemeingültiges Urteil, sondern versucht ein filmisches Statement dagegen zu setzen, eine ohnehin angespannte Welt durch kleinkarierte Gedankenbeschränkung noch angespannter zu machen.
Vielleicht spielt es Simon Verhoeven genau an diesem Punkt in die Hände, dass er die ganze Thematik nicht als schweren Problemfilm, sondern als zugänglichen, mit dem Who-Is-Who aktuell angesagter deutscher Schauspieler besetzten Unterhaltungsfilm inszeniert hat. Natürlich greift man mit Elyas M’Barek («Fack ju Göhte» 1 und 2), Florian David Fitz («Der geilste Tag»), Senta Berger («Satte Farben vor Schwarz»), Uwe Ochsenknecht («Stadtlandliebe»), Heiner Lauterbach («Wir sind die Neuen») und Palina Rojinski («Traumfrauen») auf ein Ensemble zurück, dass allein schon aufgrund seines Starappeals attraktiv wirkt; vor allem auf Gelegenheitskinogänger.
Doch der Film profitiert nicht bloß von dem insgesamt sehr zurückhaltenden, weitestgehend bodenständigen Spiel (lediglich Florian David Fitz darf in seinem Nebenplot ein wenig über die Strenge schlagen), sondern auch davon, dass keiner von ihnen den wahren Star des Films überspielt. Newcomer Eric Kabongo bringt den Wankelmut seines grundsympathischen, zwischen offenherziger Gutmütigkeit, zaghaftem Lebensmut und in sich gekehrter Traurigkeit chargierenden Diallo hervorragend zur Geltung, wenn er sich gleichzeitig optimistisch in die Familie der Hartmanns integriert und auf der anderen Seite vor einer Schulklasse niederschmetternd und bewegend über seine Vergangenheit spricht (eine der stärksten Szenen des Films!). Diallo hält sämtliche Handlungsfäden von «Willkommen bei den Hartmanns» zusammen, wird mal zum Katalysator angestauter Aggressionen, zum Vermittler und verhilft dem Film zu ebenjener Prise Melancholie, die das Thema bei aller optimistischen Betrachtungsweise einfach benötigt, um auch nach der Filmsichtung nachzuwirken. Gleichzeitig ist Diallo nicht umsonst vollkommen frei von Makeln: Wenn er sich von Sohn Basti überreden lässt, an einer nicht ganz so korrekten Aktion mitzuwirken, scheint eine der wichtigsten, aber doch vollkommen simple Aussage von «Willkommen bei den Hartmanns» hervor: Flüchtlinge sind einfach nur eines: Menschen. Und genau deswegen hat jeder von ihnen Stärken, Schwächen aber in erste Linie eine Chance auf ein ganz normales Leben verdient.
Fazit
«Willkommen bei den Hartmanns» will keine Lösungen bieten, sondern uns für zwei Stunden daran erinnern, dass wir uns eine ohnehin verwirrende Zeit nicht noch verwirrender machen müssen, indem wir alles doppelt und dreifach hinterfragen. Dabei besticht die sämtliche Facetten des Flüchtlingsthemas anreißende Satire mit teils ziemlich gewagtem Humor, einem herrlich aufgelegten Ensemble und einem melancholischen roten Faden, der die bisweilen ein wenig zu überhastete Handlung gut erden kann.
«Willkommen bei den Hartmanns» ist ab dem 3. November bundesweit in den Kinos zu sehen!
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