Nina Wolfrum: Verpflichtung von Julia Beautx war ‚ein Experiment für mich‘

Die YouTuberin Julia Beautx tritt vermehrt in Spielfilmen auf. Obwohl sie die Schauspielerei nicht erlernte, sind die Verantwortlichen begeistert.

Sie haben die neue Miniserie «Gestern waren wir noch Kinder» umgesetzt. Wie sind Sie auf das Projekt aufmerksam geworden?
Durch meine Agentur TALENT REPUBLIC. Meine Agentin schickte mir die Drehbücher und ich war auf Anhieb Feuer und Flamme. Ich habe vier Stunden mit der Produzentin und Autorin Natalie Scharf telefoniert und danach haben wir uns füreinander entschieden.

Können Sie uns erzählen, worum sich die Serie dreht?
Es geht um einen gut situierten Anwalt, der scheinbar ansatzlos seine Frau tötet und damit seinen drei teils noch minderjährigen Kindern die Mutter nimmt. Im Verlaufe der Geschichte erfahren die Zuschauer*innen, wie es dazu kam, über Jahrzehnte wohlgehütete Familiengeheimnisse treten zu Tage und die Erkenntnis, dass niemand ohne Schuld ist. Eine insgesamt sehr komplexe Geschichte, die zurückgeht bis in die 90er Jahre.

Kann man schon sagen, ob «Gestern waren wir noch Kinder» eine zweite Staffel bekommen wird?
Genug Ideen hat die Autorin ganz bestimmt. Aber ob es weitergeht, hängt ja von vielen Faktoren ab. Sicherlich auch von dem Erfolg der ersten Staffel.

Die Handlung ist in München angesiedelt. Wo haben Sie gedreht?
Wir haben in und um München herum gedreht. Aber das war für die Geschichte unerheblich. Denn dieses familiäre Drama kann sich überall auf der Welt zutragen.

Sie haben mit der Schauspielerin Julia Beautx zusammengearbeitet, die die Hauptrolle übernahm. Julia ist keine gelernte Schauspielerin, wie unterschied sich diese Zusammenarbeit von Darstellern, die die Schauspielerei studiert haben?
Ein großer Reiz dieses Projektes bestand für mich als Regisseurin darin, ein so großes Schauspieler*innen Ensemble besetzen zu dürfen. Wir haben ja die Rollen größtenteils zweifach besetzt. Als Jugendliche in den 90er Jahren und als Erwachsene im Hier und Jetzt. Julia Beautx war für eine kleinere Nebenrolle zum Casting eingeladen auf Wunsch der Produzentin. Da sie keine gelernte Schauspielerin ist, war allein das schon ein Experiment für mich, das ich aber innerhalb eines Ensembles dieser Größenordnung unbedingt wagen wollte. Ich fand das einfach interessant und war maximal gespannt auf sie.

Nachdem Julia diese kleine Szene gespielt hatte, bin ich mit ein paar Blättern auf sie zu und hab gesagt: „Das hier ist die Casting-Szene für unsere Hauptrolle. Ich glaube, dass du eigentlich hierfür gekommen bist.“ Ich bin damit meiner Intuition gefolgt. Für Julia war es das Beste, was ihr passieren konnte. Ich war beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit, das jetzt durchzuziehen. Denn sie kannte die Szene für die Hauptrolle nicht. Und so ein Castingtag ist eng getaktet, da bleibt nicht viel Zeit. Wir konnten also nur kurz zusammen an der Szene arbeiten. Ich war verblüfft, wie schnell Julia die emotionalen Amplituden der Szene verstand und übersetzen konnte. Sie griff nicht auf gelerntes Handwerk zurück, sie war instinktiv, Gefühle und Gedanken im Spiel waren ungeplant und dadurch sehr ehrlich. Ich habe sofort gespürt, was da für ein Potenzial schlummerte. Am Ende des Tages war klar, sie wird unsere „VIVI.“ Julia hat mir vertraut, wir haben uns vertraut, dass wir da zusammen durchgehen und dass es sehr besonders werden wird.

Sie haben auch mit jungen Kindern gedreht. Welche Vorbereitungen gab es hierfür?
Die jüngeren Kinder hatten teilweise ein Coaching im Vorfeld zu den Dreharbeiten. Am Set selbst hatte ich nur an bestimmten Tagen zusätzliche Unterstützung, wenn es Sinn machte. Zum Beispiel bei einer Taufe, die wir an zwei Tagen gedreht haben, mit sehr vielen Kindern. Unsere beiden jungen Hauptdarsteller*innen Nele und Vico, die VIVIS jüngeren Geschwister spielen, waren ungeheuer professionell, es war eine große Freude für mich mit ihnen zu arbeiten.

Sie drehten auch die Serie «Milk & Honey» für den Fernsehsender VOX. Waren Sie enttäuscht, dass die Zuschauer das Produkt nicht einschalteten?
Ich bin immer traurig, wenn die Zuschauer nicht gucken, na klar. Ich bin sogar traurig, wenn Serien beim Zuschauer nicht ankommen, die ich gar nicht selbst gedreht habe. Denn nicht nur ich, ein ganzes Team steckt ja über Wochen und Monate viel Energie und Liebe in ein Projekt und glaubt fest daran. Anders ginge es gar nicht.

Formate wie «Milk & Honey» sind dauerhaft bei RTL+ zu sehen und können international weiterverkauft werden. Gibt es überhaupt noch eine Art Misserfolg?
Früher wurde ein Projekt nur an seiner linearen Quote gemessen. Heutzutage kann eine Serie auch Jahre nach ihrer Ausstrahlung abgerufen und angesehen werden und in diesem Sinne vielleicht nicht unmittelbar, aber langfristig erfolgreich sein. Das ist schon eine Errungenschaft der Streamer und Mediatheken.

Sie wohnen in Köln. Gibt es Ecken, die Sie gerne mal in einem Film einbauen wollen?
Die Frage ist für mich gerade top aktuell. Ich habe soeben meinen dritten Kölner «Tatort» abgedreht und mir dabei einen Wunsch erfüllt: Wir haben auf dem Weihnachtsmarkt am Dom gedreht sowie auf der Schlittschuhbahn am Heumarkt. Für beide Locations ist es normalerweise unmöglich eine Drehgenehmigung zu bekommen. Aber die Stadt Köln liebt ihren Tatort und hat das für uns möglich gemacht, das war großartig.

«Gestern waren wir noch Kinder» ist ab 30. Dezember in der Mediathek verfügbar. Schauen Sie fiktionale Stoffe noch linear?
Das meiste schaue ich tatsächlich non-linear. Zum einen, weil die Serien in den Mediatheken schon früher abrufbar sind, zum anderen ist man zeitlich flexibel. Außerdem schaue ich Serien, die mich interessieren, gerne am Stück durch.

Besten Dank!

Alle Folgen ab 30.12. sind in der ZDF Mediathek verfügbar.
06.01.2023 11:33 Uhr  •  Fabian Riedner Kurz-URL: qmde.de/139172