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Netflix: «Atypical» gelingt Überraschungs-CoupDas ist Netflix‘ «Atypical», von dem womöglich selbst eingefleischte Serienfans noch nichts gehört haben werden. Der Streaming-Dienst gab sich im Rahmen seines Originals auch nicht die größte Mühe, es zum Start am 11. August 2017 breit zu bewerben. Nutzern, deren Präferenzen zum Neustart passten, wurde die Serie Zeit ihres Erscheinens womöglich mal auf dem Startbildschirm angezeigt, ehe die Serie in die Untiefen der Netflix-Mediathek verschwand. «Atypical» ist kein aufwändig produziertes Serien-Highlight, wartet nicht mit einem Star-Cast auf und führte auch nicht zu Kontroversen, die das Format in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rückten. Dennoch wurden immer mehr Netflix-Nutzer auf die mittlerweile zwei Staffeln und 18 Episoden umfassende Serie aufmerksam, bis diese im Spätsommer 2018 sogar bis auf Platz sechs der VoD-Charts aufrückte (siehe Infobox), ehe sie daraus wieder verschwand.
Das Problem: Unauthentischer Autismus
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Bewerten Rezensenten also die Qualität von «Atypical» führt kein Weg an der Darstellung von Autismus vorbei. Gleichwohl die Serie von Robia Rashid schon in ihrer Auftaktstaffel überwiegend positive Kritiken erhielt, schieden sich gerade bei der Autismus-Thematik die Geister. Vielen Kritikern mangelte es an tatsächlich autistischen Darstellern im Format und an der stereotypen Repräsentation der autistischen Hauptfigur: weiß, hetero, hochintelligent, mit einem mangelnden Einfühlungsvermögen. Um dem vorherrschenden Bild von Autismus gerecht zu werden, traf die Figur Sam Gardner Entscheidungen, die vor allem den Comedy-Faktor in der Dramedy erhöhen sollten, die aber mit authentisch autistischen Verhaltensweisen wenig zu tun hatten. Für viele Beobachter ein vermeintlicher Schritt rückwärts in der Darstellung von Autismus.
Die Lösung: Emanzipation vom Autismus
Facts zum Format: «Atypical»
- Genre: Coming-of-Age / Dramedy
- Idee: Robia Rashid
- Darsteller: Keir Gilchrist, Jennifer Jason Leigh, Bridgette Lundy-Paine, Michael Rapaport u.w.
- Episoden: 18 (2 Staffeln)
- Laufzeit: 26-38 Minuten
- Premiere: 11. August 2017
- Veröffentlichung: Netflix
Der von Keir Gilchrist gespielte Sam Gardner hat noch nie den alleinigen Dreh- und Angelpunkt von «Atypical» gekennzeichnet. Wirklich sehenswert werden die dramatischen Elemente des Formats erst, wenn darauf Bezug genommen wird, wie Sams Autismus das Familienleben beeinflusst. Vater Doug (Michael Rapaport) hat noch immer Probleme im Umgang mit seinem Sohn und hat Schwierigkeiten, einen Draht zu seinem Sprössling zu finden. Seit dessen Geburt dreht sich derweil alles in Mutter Elsas (Jennifer Jason Leigh) Leben um die Fürsorge gegenüber Sam. Darunter leidet nicht nur ihre persönliche Entfaltung und das Eheleben der Eltern, es fällt ihr auch schwer ihren mittlerweile erwachsenen Sohn Verantwortung übernehmen zu lassen. Schwester Casey (Bridgette Lundy-Paine) fühlt sich seit jeher vernachlässigt. Ihre Interessen musste sie schon immer hintanstellen, was des Öfteren zu großer Frustration bei der Teenagerin führt.
Berührend, charmant, smart
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Nach der Coming-of-Age-Geschichte in Staffel eins spielen nun auch andere narrative Entwicklungen eine wichtigere Rolle. Etwa die familiären Probleme, die ausnahmsweise nicht durch Sam entstehen, sondern durch die Affäre der Mutter, deren Fehltritt ihre Beziehung zu Ehemann und Tochter nachhaltig erschüttert. Letztere wechselt dank eines Sportstipendiums auf eine Elite-Schule und muss ihr altes Leben samt Freund mit den Regeln der gut betuchten neuen Freunde in Einklang bringen. Alle Charaktere müssen mit den Entwicklungen wachsen. Klingt nicht besonders einfallsreich, doch die Darsteller und ihre Figuren versprühen einen Charme, der «Atypical» zu einer der überraschendsten Familien-Dramedys der vergangenen Jahre macht.
Letztlich beobachtet sich der Wandel der Serie überaus interessant, weil sie vermeintlich ungewollt die Entwicklung ihrer Hauptfigur spiegelt. So wie sich Sam von seiner Familie und teilweise auch von seiner Entwicklungsstörung emanzipiert, macht sich «Atypical» ebenfalls immer freier von seinem Autismus. Letztlich findet sich im Netflix-Original rückblickend ein Mix aus Highschool-Serie und Familien-Dramedy, der smart und charmant umgesetzt ist, deren Autismus seiner Hauptfigur aber bloß Teil der Prämisse ist, der fast schon als inhaltlicher Bonus dient. In Staffel zwei fand die Serie neue Wege zu inspirieren und zu überraschen. «Atypical» ist keine Autismus-Serie – und geht deshalb umso reifer mit der Thematik um.
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