
Was bereits in den ersten Folgen auffällt: Selten wartete eine deutsche „Seifenoper“ mit derart vielen Antagonistinnen und Antagonisten auf. Das ist zuallererst einmal begrüßenswert, mutig und erfrischend! Nur: Wenn man zu Beginn lediglich 15 Kernfiguren zur Verfügung hat und davon ein Drittel (Olaf Brock, Bea Brock, Jascha Brock, Boris Janssen sowie mit Einschränkungen Ines Fischer) intrigiert, lügt, betrügt, ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und/oder zu Schlimmeren bereit zu sein scheint, ist ein positives Gegengewicht vonnöten. Ein solches sucht man allerdings im Grunde bis zur letzten Szene vergebens. Dies soll nicht heißen, dass es zu keinen berührenden, herzlichen oder lustigen Momenten käme, jedoch sind diese bezeichnenderweise nie von Dauer, was logisch ist, wenn man bedenkt, dass die „Bösen“ schließlich keine Ruhepausen einlegen und nur in Ausnahmefällen mit offenem Visier kämpfen – zudem machen sich einige (wie könnte es auch anders sein?) ebenfalls gegenseitig das Leben schwer. Und ein besonders gerissener Fiesling lässt sich darüber hinaus frühzeitig als meisterhafter Strippenzieher ausmachen, der eher das Chili als das Salz in der „Plot-Suppe“ verkörpert.

Auch die Tatsache, dass es sich bei den unterschiedlichen Handlungssträngen, die im Wechsel präsentiert werden, streng genommen um einen übergeordneten handelt, der einige Verästelungen aufweist, ist ein Ausdruck davon. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen. Positiv formuliert verschafft das Erbe den Autoren die Gelegenheit, die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen lassen und deren Leben miteinander verknüpfen zu können. Negativ formuliert sorgt dieser „Vorzug“ dafür, dass es keine Storylines gibt, dich nicht irgendwie mit dem Ausgangspunkt der Serie zusammenhängen. Bedeutet: Wer von der ersten Sendeminute an überzeugt von dem Dargebotenen war, musste nie befürchten, ab einem Punkt X enttäuscht zu werden. Wer dagegen viel inhaltliche Abwechslung von einer täglichen Produktion dieser Art erwartet, dürfte nach und nach das Interesse an ebendieser verloren haben. Zumal auch weder Jenni und Tarek noch Melissa und Daniel als „Telenovela-eskes“ Traumpaar durchgehen – und für nicht wenige ist eine ansprechend erzählte Liebesgeschichte eine nicht verhandelbare Pflichtzutat in einem jeden Daily-Gericht.

Wenn es also bei «Alles oder Nichts» bei der Beurteilung von Autoren-Entscheidungen unzählige Male auf den Blickwinkel und die persönliche Präferenz ankommt, drängt sich eine Frage geradezu auf: Hätte es eine erfolgsversprechendere Alternative zum gewählten Konzept beziehungsweise der gewählten Ausstrahlungsstrategie gegeben? Setzen wir einfach einmal voraus, dass man hinterher immer schlauer und es mit Garantien in dieser Branche so eine Sache ist, wäre es sicher ratsam, nicht mit einem zu lauten „Ja“ zu antworten – selbst wenn man von der eigenen Idee komplett überzeugt ist. Dennoch sollte ein denkbares Modell in diesem Rahmen nicht unerwähnt bleiben: Die ProSiebenSat.1-Gruppe hat bekanntlich kürzlich Joyn respektive dessen Premium-Variante JoynPlus+ gestartet und bewirbt seinen Service seither im großen Stil. Vor allem aber investiert man in die unterschiedlichsten Eigenproduktionen. Und «AoN» wäre dann – im Fall der Fälle – selbstredend nicht eine unter vielen gewesen, sondern die erste exklusiv für einen Streamingdienst produzierte Soap Deutschlands – wer sich einmal die Mühe macht und die Kommentarspalten unter den auf YouTube nach wie vor vom Sender bereitgestellten Folgen überfliegt, wird zudem feststellen, dass gerade die jüngere Zielgruppe dem Format offenbar eine Menge abgewinnen konnte.
Und im Zuge solcher Überlegungen, hätte man vermutlich auch diskutiert, ob unter diesen Vorzeichen nicht eventuell sogar die Realisierung einzelner Staffeln mit längeren Folgen der Königsweg gewesen wäre. Dass «Dynasty» oder «Riverdale» VoD-Hits sind, kommt immerhin nicht von ungefähr, und unterschlagen werden sollte an dieser Stelle auch nicht, dass Sat.1 von Producers at Work keinen originären Stoff hat entwickeln, sondern vielmehr die (mittlerweile eingestellte) australische Weekly «Filthy Rich» hat adaptieren lassen. Und diese wiederum dient nun einem Drama gleichen Namens als Vorlage, das 2020 in den USA bei FOX das Licht der Welt erblicken wird (und wenig später mutmaßlich auch in Deutschland) sowie einer «Sex and the City»-Ikone zu einem vielbeachteten Comeback verhelfen könnte: Denn hier „trauert“ niemand Geringeres als Kim Cattrall um ihren Mann. Für diejenigen, die nach dem „Brock-Show-Showdown“ immer noch nicht genug von „Erbschaftsstreitigkeiten 2.0“ haben, wäre folglich diese Sendung eventuell in einigen Monaten eine ernsthafte Option.
Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
29.01.2020 11:24 Uhr 1
kannst du nicht auch mal was zu "Hinter Gittern" bringen - zwar keine Daily, aber eine Weekly Soap? Bitte ... irgendwas ^^
29.01.2020 18:49 Uhr 2
29.01.2020 21:13 Uhr 3
Naja es ging ja auch schon um WzG und VL - auch alles längst abgesetzt, genau wie AoN auch
Man könnte ja in Zuge dessen auch Block B, Wentworth, Oitnb & Co. beleuchten, quasi die ganze Frauenknast-Thematik und welche Chancen sie in Deutschland noch hat ... davon würde ich mir sogar ne Scripted Reality angucken
29.01.2020 21:28 Uhr 4
Die Soap hatte eine schöne Optik und ich hätte es Sat.1 wirklich gewünscht mit etwas anderem als Scripted Reality erfolgreich zu werden -- aber leider, leider...