
Kritiker monieren seit Jahren, dass die Filme aus dem Marvel Cinematic Universe mehrheitlich sehr formelhaft aufgebaut seien und oftmals die letzte Konsequenz vermissen lassen würden – und das ist auch nicht gänzlich von der Hand zu weisen, ebenso wenig wie der Fakt, dass selbstredend auch inhaltlich nicht alle gleich stark sind. Richtig ist, dass jeder dieser Abendfüller (potenziell) vor einem anderen spielt und die Handlung eines weiteren in gewisser Weise vorbereitet. Dennoch würde man diesem Riesenprojekt unrecht tun, wenn man den Eindruck erweckt, die einzelnen Superheldenabenteuer seien vollkommen austauschbar. Dieser Vorwurf lässt sich recht leicht entkräften, indem man diejenigen, die eine Origin-Story erzählen mit deren Prequels oder die Prequels untereinander vergleicht: Der von Taika Waititi inszenierte «Thor: Tag der Entscheidung» ist etwa nicht auch nur ansatzweise mit dem auf die Gebrüder Russo zurückgehenden «The Return of the First Avenger» vergleichbar und unterscheidet sich ebenfalls merklich von «Thor» und «Thor: The Dark Kingdom», für die noch Kenneth Branagh beziehungsweise Alan Taylor zuständig waren.

Deshalb können es sich Kevin Feige und Co. auch immer häufiger erlauben, zu experimentieren und sehr bewusst ins Risiko zu gehen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Machern und Fans, das sich innerhalb von nun bereits 10 Jahren entwickelt hat, macht es möglich. Denn sind wir einmal ehrlich: Die Idee, Ant-Man und den Guardians of the Galaxy Leinwandableger zu spendieren, dürfte selbst für eingefleischte Marvel-Anhänger keine offensichtliche gewesen sein. Doch einer Mischung aus guten Einfällen, gewohnt starken Casting-Entscheidungen (#vindieselalsgrootimoriginal) und der Überzeugung, dass Abwechslung unerlässlich ist, um eine solche „Marke“ frisch zu halten, sorgten dafür, dass insbesondere die beiden genannten Beispiele auch Menschen, die sich bis dato noch nicht so recht auf diese bildgewaltige Reise an der Seite diverser Heldinnen und Helden einlassen wollten, zu einem Umdenken bewegen konnten.
Phase 4 wird nun mit einer der ersten ihr zuzurechnenden Produktionen beweisen müssen, dass die Leute nach wie vor daran interessiert sind, diesem einmal stärker und einmal weniger stark ausgeprägten und quasi in ihrem Beisein stattfindenden visualisierten Dauererneuerungsprozess beizuwohnen. Doch es spricht eine Menge dafür. «Black Widow» wird zweifellos das Ausrufezeichen sein, das Scarlett Johanssons ikonische Rolle längst verdient gehabt hätte, der schon angesprochene «The Eternals» dürfte aber der nächste echte Überraschungshit werden. Wer etwa Neil Gaimans packende und von tollen Bildern untermalte Erzählung über diese göttliche Familie aus dem Weltraum gelesen hat, weiß, wie gut man «Game of Thrones» und Science-Fiction mischen kann – im TV hatte man es nicht geschafft, für «Marvel's Inhumans» einen solchen Mix überzeugend hinzubekommen. Dass man dafür dann auch stilecht Kit Harington und Richard Madden (einst Robb Stark in «GoT») wiedervereint, kann man einfach nur als einen typischen „Marvel-Move“ bezeichnen – interessanterweise wird der der ehemalige Jon-Snow-Mime allerdings Black Knight verkörpern, ein Mitglied der nächsten mutmaßlich nur sehr wenigen ein Begriff seienden Superheldenvereinigung, die man eher in Großbritannien als im All vermuten würde: Excalibur. Dieser gehört unter anderem auch (kein Witz!) Captain Britain an … und zahlreiche Vertreter der X-Men – ein Zufall?
In «Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings» geht es nach Asien und die eine Frage, die über allem steht, lautet: Ist der Titel der entscheiden Hinweis darauf, dass wir endlich den „echten“ Mandarin erleben werden, der dann nicht seinem eigentlichen Erzfeind Iron Man, sondern stattdessen dem Meister des Kung-Fu das Leben schwermachen wird. Mit den nächsten «Black Panther» und «Captain Marvel»-Teilen, die noch keiner Phase explizit zugeteilt worden sind, sowie den Disney+-Serien dürfte endgültig der Umbau des (New) Avengers-Teams vorangetrieben werden; es kommt sicher nicht von ungefähr, dass noch in diesem Jahr «The Falcon and the Winter Soldier» starten soll – schließlich haben beide bereits in den Comics eine Menge Erfahrung mit einem gewissen Schild sammeln dürfen. Dass «Doctor Strange in the Multiverse of Madness» mit «WandaVision» verknüpft sein wird (ähnlich wie «Loki», in der der nordische Gott der Lügen (Tom Hiddleston) infolge der Ereignisse in «Avengers: Endgame» als personifizierte Raum-Zeit-Kontinuums-Anomalie Unruhe stiften wird), könnte hingegen darauf hindeuten, dass wir endlich eine Wanda Maximoff alias Scarlet Witch (Elizabeth Olsen) zu sehen bekommen, die zeigt, zu was sie (vor allem wütend) imstande ist. Ein Umstand, der ebenfalls eine Aufnahme einiger Versatzstück aus dem gefeierten „Vision"-Run des Eisner-Award-Gewinners und ehemaligen CIA-Mitarbeiters Tom King bedeuten könnte, der kürzlich mit unter anderem „The Wedding“ auch für DC als Batman-Autor eine sehr außergewöhnliche Geschichte zu Papier gebracht hat.

Apropos Hell’s Kitchen: Das letzte Fragezeichen, das noch im Raum steht, sind die ehemaligen Netflix-Lieblinge der Massen beziehungsweise deren Zukunft. Fakt ist, nachdem der VoD-Service sämtliche seiner Original-Serien mit dem gewissen „M“ («Daredevil», «Jessica Jones», «Luke Cage», «Iron Fist», «The Punisher» und «The Defenders») eingestellt hatte, kam zum Tragen, dass man vertraglich fixiert hatte, dass Marvel für einen Zeitpunkt X keine neuen Projekte starten durfte, in denen Charaktere aus diesem „Miniversum“ mitwirkten. Während die „Heroes vor Hire“, wie „Power Man“ (Mike Colter) und Danny Rand (Finn Jones) noch genannt werden, bislang nicht unbedingt gigantische Sympathien entgegengeflogen sind, erfreuen sich eine Privatermittlerin mit Hang zu offenen Türen (Krysten Rtter), ein Totenkopfliebhaber (Jon Bernthal) und vor allem Matt Murdock (Charlie Cox) dagegen bis heute enormer Beliebtheit, weshalb auch davon auszugehen ist, das Minimum Letzterer in absehbarer Zeit sein Comeback feiern wird – und hey, Peter Parker braucht aktuell dringend rechtlichen Beistand.

Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
31.05.2020 23:44 Uhr 1
Aber zumindest in meinem Fall könnte der Schuss nach hinten losgehen.. Mir ist nämlich dieses "hier noch ein neuer streaming-dienst" und "dort noch ein abo" langsam ein Dorn im Auge. Nicht nur, dass es ins Geld geht, verschiedene Dienste zu abonnieren. Man kommt ja auch mit dem Angebot gar nicht mehr hinterher, es zu konsumieren.
Heisst für mich: Disney+ werd ich definitiv nicht abonnieren. Und wenn ich dann aber das Gefühl habe, dass ich "außen vor", weil ich dadurch etwas vom MCU verpasse, könnte das dazu führen, dass ich künftig auch an den Kino-Filmen das Interesse verliere und mir diese dann mittel- und langfristig gar nicht mehr ansehe.
Somit wäre Disney's Schuss zumindest bei mir nach hinten losgegangen.
02.06.2020 10:47 Uhr 2
Black Window z.B. interessiert mich gar nicht, ich fand Scarlett Johansson als Black Window auch am wenigsten interessant von allen Helden. Ich brauche auch nicht unbedingt noch einen weiteren Guardians Film.
Ja, ich werde die irgendwann wahrscheinlich schon mal sehen, wenn ich mir z.B. mal einen Monat Disney testweise buche, aber kann durchaus Jahre dauern.
Ich glaube, da bin ich nicht komplett alleine mit dieser Einstellung, zumindest in meiner Altersgruppe "Hab Star Wars EP3 noch im Kino gesehen" . Disney wird jetzt versuchen, die jungen Leute verstärkt abzuholen und einen ähnlichen Zyklus wieder herzustellen.