
Im Kern geht es nämlich auch um Selbst- und Fremdwahrnehmung und damit letztlich um eine Frage, die sich aus dem Titel der Serie ableiten lässt: Bin ich „normal“? Das Interessante ist nun die Antwort. Verkürzt könnte diese in etwa folgendermaßen lauten: Es ist normal, nicht normal zu sein. Das wäre allerdings viel zu plakativ und hätte mehr mit einem Kalenderspruch als mit echtem Tiefgang zu tun. Hier steht der Weg zur Erkenntnis im Vordergrund und weniger die Erkenntnis selbst – und das spannenderweise in zweifacher (individualisierter) „Ausführung“.

„Seelenverwandte*r“ ist inzwischen bedauerlicherweise zu einem geradezu inflationär gebrauchten Begriff geworden, dem in Deutschland auf STARZPLAY beheimateten Format gelingt es allerdings eindrucksvoll, einer sinnentleerten Worthülse wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Die zwei geben einander Kraft und helfen sich wiederholt dabei, über sich hinauszuwachsen. Sie erleben den jeweils anderen auch in seinen verwundbarsten Augenblicken – wobei ihre komplexe Beziehungsstruktur maßgeblich dazu beiträgt, dass diese Situationen nicht die Ausnahme bleiben.

Und das liegt vor allem an den Stars: Daisy Edgar-Jones und Paul Mescal, zwei echten Newcomern, die jedoch mutmaßlich nicht mehr lange als ebensolche gelten werden. Ihre in dieser Staffel gezeigten Performances lassen keinen Zweifel daran, dass es mehr als nur verdient wäre, wenn Casting-Direktorin Louise Kiely bei den diesjährigen Emmys ausgezeichnet werden würde. Rohdiamanten dieser Güteklasse zu finden, ist hochgradig selten, und den Mut zu haben, auf ein bekanntes Zugpferd zu verzichten, obwohl dies finanziell sicher machbar gewesen wäre, noch seltener. Und dieser Mut, auf unverbrauchte Gesichter zu setzen, hat sich nicht nur ausgezahlt, sondern war auch eine zwingende Voraussetzung, um bei der Zuschauerschaft die gewünschte Wirkung erzielen zu können: ein Höchstmaß an Authentizität.

In diesem Zusammenhang sollte wohl auch ein Fakt angesprochen werden, den einige zu einem großen Vorzug der Serie erklären – allerdings so, dass man gelegentlich beinahe von „Vorspiegelung falscher Tatsachen“ sprechen könnte. Ja, es ist richtig, dass «Normal People» seinem Anspruch, die Realität möglichst unverfälscht darzustellen, gerade auch in Bezug auf Nacktheit gerecht wird. Doch das meint nicht, dass Sequenzen, in denen es zum Sex kommt, nur des Effekts wegen eingebaut worden wären oder mit dem Hintergedanken, besonders provokant oder polarisierend sein zu wollen. Diese Minuten dienen vielmehr dazu, auf einer anderen Ebene die Entwicklung von Mariannes und Connells Beziehung respektive das, was sie auszeichnet, zu veranschaulichen. Somit lassen sie sich durchaus auch als Kritik an einem Phänomen der Gegenwart verstehen: der oftmals fehlenden Bereitschaft vieler, auch Schwierigkeiten gemeinsam durchzustehen beziehungsweise sich überhaupt zu binden und dem Hang dazu, von einer „lockeren Geschichte“ in die nächste „zu stolpern“. Die implizite Botschaft: Es macht einen Unterschied, ob man mit jemandem schläft, für den man viel empfindet und mit dem einen eine Menge verbindet oder ob man mit jemandem schläft, den man praktisch nicht kennt.
So werden diese Phasen der innigen Zweisamkeit zu einem Sinnbild für Vertrauen. Ebendieses entsteht aber bekanntlich nicht von jetzt auf gleich und kann auch (zeitweise) verloren gehen. Dies passt insofern zu den Studenten, weil sie bis zur letzten Einstellung damit beschäftigt sind, sich selbst zu finden. Dieser Prozess beinhaltet auch Rückschläge, jedoch ist das dann von ihnen geforderte „Sich-Berappeln“ elementar, um dem angesprochenen Ziel einen großen Schritt näherzukommen. Dies erfordert wiederum ein Überwinden von Selbstzweifeln, ein „Mit-sich-ins-Reine-Kommen“, ein Lernen aus den eigenen Fehlern und die Fähigkeit, sich selbst vergeben zu können. Darum hat die ständig wiederkehrende Frage „Bist du okay/Ist alles okay?“ fast etwas Leitmotivisches, wodurch sich auch die Verknüpfung zu dem Komplex „Wie definiert man eigentlich normal?/Bin ich normal?“ leicht herstellen lässt.
Denn die jeweiligen Antworten bilden schließlich das Fundament, auf dem diese tiefgründige, berührende, ruhige und dennoch mitreißende Serie fußt. Eine Serie, die die magischen drei Worte nur sehr sparsam verwendet, ihnen dadurch aber eindeutig mehr Gewicht verleiht und beim Publikum den Wunsch reifen lässt, mehr über diese „ungewöhnlich-normale“ Liebe zu erfahren.
Staffel 1 von «Normal People» ist auf STARZPLAY verfügbar.
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