
Nach vollständiger Sichtung dieser Staffel könnte man fast vermuten, dass diese Strategie ein bewusstes psychologisches Experiment des Autoren und Regisseurs Eric Kripke war, der mit diesen Reaktionen genau das bekam, was er wollte. Es passt schon fast zu gut ins Bild, dass relativ zu Beginn der Staffel der Neuzugang „Stormfront“ (Aya Cash) unserem Lyblingspsychopathen Homelander erklärt, was sich im Social-Media-Zeitalter am besten verkaufen lässt, nämlich Gefühle, insbesondere eben Zorn und Wut. Sie sind die Grundthematik dieser Serie, von der sich ein Großteil der Protagonisten auf beiden Seiten antreiben und leiten lässt.
Wenig überraschend wurde versucht mit Staffel zwei alles größer und besser zu machen. Dachte man nach der ersten Staffel zumindest der Gewaltgrad haben den Punkt des visuell Darstellbaren bereits erreicht, so belehren uns diese acht Folgen eines Besseren. Explodierende Köpfe, das Abtrennen von Extremitäten sowie die exzessive Darstellung von Brandleichen gehören zum guten Ton, womit man auch mit dieser Staffel zartbesaitete Zuschauer sicherlich nicht für sich gewinnen dürfte. Glücklicherweise ist die Gewaltdarstellung mittlerweile so übertrieben, dass sie nur noch schwer ernstgenommen werden kann und häufig absichtlich ins absurd-komische übergeht, etwa wenn beispielsweise ein Motorboot in einen gestrandeten Wal hineinfährt. Im Gegensatz hierzu steht der prüde Umgang mit Nacktheit, die trotz durchgeknalltem Superheldensex fast inexistent ist und damit ein typisch amerikanisches Kontrastbild zur expliziten Gewalt darstellt. Staffel zwei ist gespickt mit einer Vielzahl solcher Klischees, die wohl teilweise bewusst und teilweise unbewusst eingesetzt werden. Dass man die Frage, wie man die Darstellung des bitterbösen, sadistischen Psychopathen „Homelander“ als Feindbild noch toppen kann, mit der Einführung der von Aya Cash porträtierten Nazibraut „Stromfront“ beantwortet, passt hervorragend in diese pointierte Ansammlung amerikanischer Wertvorstellungen und Feindbilder.

Als Kontrast hierzu dienen die titelgebenden „Boys“ um Billy Butcher (Karl Urban) und Hughie Campbell (Jack Quaid), die sich kaum weniger darum scheren könnten, was die Gesellschaft von Ihnen hält. Campbell und dessen Freundin Starlight (Erin Moriarty) gehören dabei zum kleinen Kreis der Charaktere innerhalb der Serie, die einen Hauch von Menschlichkeit versprühen und dem Zuschauer eine kleine Verschnaufpause von der übrigen Schar an Soziopathen bieten.

Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
17.10.2020 12:10 Uhr 1
Ansich fällt also die Serie nur durch ihre wirklich sehr heftigen Gewaltszenen auf und das sie mal eine andere Welt von Superhelden zeigt. Das ist gut, aber viele Folgen sind leider auch grotten Langweilig. Das Potential wird nicht ausgeschöpft und das ist Schade. Da könnte man soviel mehr draus machen.
17.10.2020 14:15 Uhr 2
27.10.2020 01:27 Uhr 3