
Südkorea, das ungefähr die Fläche von Island besitzt, kommt auf 51,8 Millionen Einwohner, wovon die Hälfte der Menschen in der Metropolregion Sudogwon wohnen. Hier wohnt auch Yoon Hye-jin, eine erfahrene, junge Zahnärztin, die sich mit ihrer Chefin in einer privaten Klinik anlegt. Weil Yoon sich weigert, unnötige und teure Zahnbehandlungen an der Mutter der Nachbarin zu verkaufen, wird sie von ihrer Chefin ermahnt. In einem spontanen Rausch der Gefühle schmeißt sie ihren Job hin und geht mit ihrer Freundin Psyo Mi-seon, die ebenfalls in einer anderen Zahnklinik arbeitet, zunächst teure Schuhe kaufen und dann Wein trinken. Schon in den ersten Minuten wird auch das deutlich, was bei «Squid Game» der Fall ist: Jeder Südkoreaner besitzt eine Kreditkarte, kann maßlos shoppen und muss zunächst nicht auf sein Vermögen schauen. Wenn der Konsum von Klarna und Paypal mit einer 30-tätigen Zahlungsverzögerung weiter zunimmt, wird man auch in Deutschland solche Stoffe anbieten können.

Am Todestag ihrer Mutter reist sie in das fiktive, aber idyllische Küstenstädtchen Gongjin. Dort verbrachte sie einen Urlaub mit ihrem Vater Toon Tae-hwa und ihrer Mutter. Die junge Dame, um die 33 Jahre alt, schwelgt am Strand in Erinnerungen und verliert dabei ihre teuren Schuhe. Ein Surfer, Hong Du-sik (Kim Seon-ho), den die Zuschauer schon einige Minuten früher kennen lernen, kann ihr zumindest einen Schuh bringen. Er bietet ihr die Schlappen des örtlichen Fischrestaurants an, die sie widerwillig annimmt.
Als sie bei ihrem deutschen Auto angekommen ist, springt dieser zunächst nicht an. Auch später gibt es zahlreiche technische Probleme, die sich durch die Pilotfolge ziehen. Das Handynetz ist nicht mehr vorhanden, die Geldautomaten funktionieren nicht. Aber «Hometown Cha-Cha-Cha» ist keine Mystery-Serie, ganz im Gegenteil. Die südkoreanische Drama-Serie könnte man als klassische Telenovela bezeichnen, die in 16 Teilen aufgebaut ist. Mit einer Laufzeit von 70 Minuten pro Folge, die bei dem Fernsehsender tvN laufen, der sich über Werbung und Gebühren finanziert, füllt die Geschichte einen Abend aus.

Dabei weiß jeder Zuschauer, dass am Ende von «Hometown Cha-Cha-Cha» sich Yoon Hye-jin und Hong Du-sik verlieben werden. Die romantische Musik am Ende jeder Episode, die gesamte Inszenierung und der klassische Story-Verlauf machen dies deutlich. Interessanterweise hat Hye-jin auch mit keinem gleichaltrigen, männlichen Bewohner von Gongjin Kontakt.
Die Serie wird so schnell nicht langweilig, da es zahlreiche Figuren gibt, die wahnsinnig viel Potenzial liefern. Zwar dreht sich das Format auch um die Eröffnung einer Zahnarztpraxis in der Küstenstadt, doch das Thema rückt nach zwei Episoden ein wenig in den Hintergrund. Stattdessen stehen zahlreiche lustige, traurige, aber auch interessante kulturelle Geschichten im Vordergrund. Die Autoren nehmen die Zuschauer an die Hand und lassen diese sukzessiv in die Welt der Kleinstadt eintauchen. Shin Ha-eun macht auch nicht halt, die Zahnärztin Yoon Hye-jin zeitweise unsympathisch wirken zu lassen. Selbst nach dem Einzug in ihr Haus in Gongjin hält sie die Einwohner für rückständig und möchte ihr hochwertiges Markenleben fortführen. Das sie immer wieder in dieses Schema zurückfällt, kann sowohl positiv als auch negativ gesehen werden. In der Geschichte der Serien waren aber schon einige großartige Helden zum Teil von Vorurteilen besessen oder gar unfreundlich.
In den späteren Folgen nimmt das Thema Musik Fahrt auf. Bereits in der ersten Episode lernt man einen Barkeeper namens Oh Cheon-jae kennen, der einen großen Hit hatte und dann von der Bildfläche verschwand. Doch das soll es noch nicht gewesen sein, denn in Gongjin wird sich etwas Wunderbares entwickeln.

«Hometown Cha-Cha-Cha» ist eine gute und teure Produktion. Der Streamingdienst Netflix erreichte damit zahlreiche Abonnenten. Bis zu 16 Wochen verbrachte der Stoff in den weltweiten Top-Listen. Solche Produktionen könnten auch in Deutschland über mehrere Wochen ein Hit werden, wenn sich die Fernsehsender an dieses Niveau herantrauen. Denn: Mit der Bezeichnung Telenovela mag das Format zunächst etwas billig klingen, aber die Produzenten haben ordentlich Geld in die Produktion reingebuttert. Die Serie ist hervorragend geschrieben, schreckt nicht vor kritischen Themen zurück und liefert schlussendlich Feel-Good-Stimmung, da es eigentlich 16 Filme sind.
«Hometown Cha-Cha-Cha» ist in koreanischer, englischer und deutscher Sprache bei Netflix verfügbar.
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