
Die Telenovela ist allerdings keine deutsche Erfindung, sondern hat eine weite Reise hinter sich gebracht, ehe sie in der Bundesrepublik ankam. Sie kommt ursprünglich aus dem vorrevolutionären Kuba. Dort wurden den Arbeiterinnen in Zigarrenmanufakturen Romane vorgelesen. Jeden Tag gab es eine erneute Fortsetzung der Geschichte. Auch heute werden in den Fabriken zum Teil noch solche Romanzen erzählt.
Erst in den 50er-Jahren wurden diese Romane fürs Fernsehen umgeschrieben. Am erfolgreichsten laufen Serien dieses Genres nach wie vor in Mexiko und Brasilien, wo die einzelnen Kapitel zur Primetime gesendet werden. Dafür unterscheiden sie sich auch deutlich zu den Produktionen in Europa: Sie werden qualitativ hochwertiger und mit höherem finanziellen Aufwand hergestellt. In Südamerika verlaufen die meisten dieser Serien nach dem Schema F: Die Geschichte handelt von einem hübschen, aber armen Mädchen, dass sich in einen reichen Mann verliebt. Möglicherweise erwidert er diese Liebe sogar, in jedem Fall ist seine Familie aber gegen eine Liaison. In Deutschland liefen in den 80ern erstmals Telenovelas. 2001 wurde zum Beispiel das Format «Salomé» ausgestrahlt.

Die Nummer neun der Telenovelageschichte in Deutschland, «Schmetterlinge im Bauch», wird das interessanteste Projekt im Fernsehjahr 2006/2007 von Sat.1. Denn die Telenovela muss unter Beweis stellen, dass der Markt noch nicht gesättigt ist, wie jüngste Flops deutlich gemacht haben und das ZDF mehrfach behauptete. Sat.1 Fiction-Chefin Alicia Remirez, die spanischer Herkunft ist, hob hervor, dass die „Delenovela“ (Originalaussprache des Wortes) „extrem tolle Schauspieler“ hat. Die Hauptcharaktere sind Alissa Jung als Nelly Heldmann und Raphael Vogt als Nils Heyden, beide verstehen ihren Beruf, wobei Alissa die Zuschauer richtig verzaubert. So eine sympathische Figur gab es seit dem Start von «Verliebt in Berlin» nicht mehr.
Just Married? Wohl nicht…

Familiengründung mal anders
Nils Heyden (Raphael Vogt) hatte einen Traum: Er will seine Freundin Melanie (Anna Luisa Kiss) fragen, ob sie seine Frau werden will, doch plötzlich stehen seine Schwestern vor der Tür. Diese sind heimlich von Tante Inge (Gertie Honeck) abgehauen, die sich seit dem Tod der Eltern um die zwei pubertierenden Teenager kümmert.
Alissa und Nils sind Nachbarn und werden zu guten Freunden. Zunächst merkt keiner von beiden, dass sich zwischen dem Tischler und der Airline-Angestellten etwas Ernsteres entwickeln könnte.


Damit die Telenovela nicht zu einer Serie á la «Die Waltons» und «Eine himmlische Familie» verfällt, wurde der Cast weiter verfeinert: Maria Munz „ist jetzt als Gegnerin von Nelly aufgestellt und bleibt es auch“, so der Produzent von Producers At Work. Die Rothaarige ist Mitinhaberin der Luxusfluglinie Starline, Matthias Paul spielt den Chef Konstantin Eppinger, der Serienheldin Nelly sofort freundlich gegenüber eingestellt ist. Er gibt ihr eine Chance im Unternehmen. Er sei „einer der Typen, mit denen Nelly zu tun haben wird“. Sein Bruder Mark (Jannek Petri) ist Pilot, Frauenschwarm und stiller Teilhaber der Fluglinie - „der Traum bzw. Alptraum jeder Frau“, erklärte Christian Popp in seiner Präsentation weiter.
Diese und die vielen anderen weiteren Charaktere zeigen deutlich, dass Sat.1 ein möglichst großes Publikum ansprechen möchte. Zielgruppenfernsehen scheint es in Berlin nicht zu geben, sonst hätte «Verliebt in Berlin» sicherlich keinen Erfolg gehabt.
Das Nelly-Gewissen
Um die Telenovela noch aufzuwerten, wurde sozusagen das „Nelly-Gewissen“ geschaffen. Im Praktischen erscheint eine zweite Nelly, die das Gewissen widerspiegelt und sie anspornt und motiviert, aber auch mal falsche Ratschläge gibt. Produzent Popp: „Engel und Teufel in einer Person“. Bei den Dreharbeiten zu diesen Sequenzen muss sich Alissa Jung in einer Greenbox mit einem grünen Ball, der von der Decke hängt, unterhalten. In der Serie ist der Spezialeffekt gelungen und hebt sich deutlich von anderen Serien ab.
Sat.1 möchte mit «Schmetterlinge im Bauch» eine völlig neue Serie schaffen und hat sich «Verliebt in Berlin» nicht zum Beispiel genommen, auch wenn es das erfolgreichste Format des Genres ist. Die Telenovela benutzt den alltäglichen Sprachgebrauch „Wenn du ihm das verzeihen würdest, würde ich es dir nie verziehen“ und baut sprachliche Fehler ein, die ein jeder von uns in Alltagssituationen macht. Die Locations wirken zuweilen recht eng, wobei häufig aus der Totalen gefilmt wird - auch Krankameras kommen zum Einsatz.
Da Nelly keinen Fettnapf auslässt, geht nicht alles rund, wodurch viel Situationskomik (Sitcom) entsteht, aber auch sonst werden versteckte Gags eingebaut. Provozieren soll «Schmetterlinge im Bauch», denn es werden Gerichtsshows von Sat.1 und RTL als überdreht und unglaubwürdig dargestellt.
Kommen allerdings Diskussionen oder Streitsituationen auf, wechselt die Serie teils zu schnell den Spielort. Statt einer gut inszenierten Auseinandersetzung bekommen die Zuschauer eine neue Geschichte aufgesetzt – dies hat Sat.1 bei «Unter den Linden» besser hinbekommen. Die Quotenmeter.de-Kritiker nehmen übrigens demnächst auch diese Serie unter die Lupe.