
Genau wie im deutschen Fernseh-Geschäft. Sowohl RTL Deutschland als auch die ProSiebenSat.1-Gruppe stecken im Kampf um die Deutungshoheit ihrer Programme, nachdem RTL in Person von Stefan Raab vor zwei Wochen den Frontalangriff auf Sebastian Pufpaffs «TV total» wagte, jener Sendung, die Raab viele Jahre moderierte und nach dem Comeback 2021 rund zwei Jahre auch produzierte. Am 12. Februar debütierte Raab mit seiner Show «Du gewinnst hier nicht die Million» im Free-TV, weshalb «TV total» bekanntlich den Sendeplatz wechselte.
Die erste Sendung im Free-TV wusste durchaus zu überzeugen. Mit 0,80 Millionen 14- bis 49-jährigen Zuschauern übertrumpfte man locker alle anderen privaten Sender, musste sich aber auch recht deutlich dem ZDF und «Aktenzeichen XY… Ungelöst» geschlagen geben, das auf 1,05 Millionen Jüngere und 19,9 Prozent kam. RTL selbst sprach von einem „sehr erfolgreichen Einstand“ und einer „extrem guten“ Zielgruppen-Quote. In der Zuschauergruppe der 14- bis 59-Jährigen, auf die RTL in den vergangenen Jahren ein besonderes Augenmerk legt, fuhr man 11,1 Prozent Marktanteil ein bei einer Sehbeteiligung von 1,13 Millionen.
Methoden, die eigentlich nicht tragbar sind

Wie groß der Druck für eine Erfolgsgeschichte von Stefan Raab bei RTL ist, wird nun aber erst deutlich. RTL verbreitete nach der ersten Pressemitteilung am Donnerstag richtigerweise eine Korrektur-Meldung, in der Folgendes geschrieben stand: „Die Quiz- und Competition-Show «Du gewinnst hier nicht die Million» begeisterte die TV-Zuschauer auch an diesem Mittwochabend. In der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen sicherte sich RTL in der Primetime (Intervall 20:15-22:15 Uhr) sehr gute 11,8 Prozent Marktanteil und damit den Primetime-Sieg in dieser Zielgruppe. Auch in der Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen konnte das TV-Highlight mit einem guten Marktanteil von 8,8 Prozent (0,85 Mio.) überzeugen.“ Das klang zunächst nicht viel anders als die erste Meldung, schließlich blieb RTL und Stefan Raab Marktführer in der Primetime.
Bemerkenswert war dann aber doch, dass man sich einen Prozentpunkt schlechter darstellte als man eigentlich war. Es handelte sich nicht um einen Tippfehler, denn wie ein RTL-Sprecher auf Nachfrage dieser Redaktion vorrechnete, handelte es sich nun um eine „Timeslot-Analyse der 14-49-Jährigen von 20:15 bis 22:15 Uhr“. Für RTL steht in dieser Analyse ein Wert von 11,8 Prozent zu Buche, bei VOX spuckte das Ergebnis laut RTL-Angaben 11,3 Prozent heraus. Zur Wahrheit gehört aber, dass in dieser Analyse alle Quoten aller gesendeten Bilder in dieser Zeit ausgewertet werden. „Bei der Timeslot-Analyse werden die Werbeinseln mit einberechnet“, räumte der RTL-Sprecher auf Nachfrage ein. Gemäß der Rechnung von RTL sicherte Stefan Raab sich somit nicht dank der eigenen Performance den Primetime-Sieg, sondern nur deshalb, da die Werbung von VOX offenbar schlechter abschnitt als die bei RTL, weswegen die gute Performance der «stern TV Reportage» weiter nach unten gezogen wurde, als die von «Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab».
Wo ist das ältere Publikum?

Ein halbes Jahr später ist von dem vermeintlich „älteren Publikum“ kaum etwas übrig – jedenfalls spielt es im Wording der Erfolgsgeschichte von «DGHNDMBSR» im linearen Free-TV, eine vermeintlich alte Domäne, kaum eine Rolle. Mit keinen Worten wurde in den Pressemitteilungen auf das Gesamtpublikum eingegangen – aus gutem Grund. Bei den Zuschauern ab drei Jahren lief es für «Du gewinnt hier nicht die Million» noch nicht einmal durchschnittlich. Mit 6,6 Prozent Marktanteil verfehlte bereits die erste Folge den Senderschnitt. In der vergangenen Woche rutschte das Ergebnis auf 4,9 Prozent und bewegte sich damit nur knapp über der Hälfte des RTL-Durchschnitts. Auch Leschek hatte zuletzt ihre Aussagen etwas angepasst und sprach gegenüber der ‚Süddeutschen Zeitung‘ von Männern zwischen 30 und 49 Jahren, die gemeinsam mit Neukunden 70 Prozent der durch Raabs Show dazugewonnen Abos ausmachten. Ihr eigenes Schicksal bei RTL wollte Leschek Ende Januar indes nicht an die Performance von Raab knüpfen, schließlich sei der Sender „so viel mehr als dieser Raab-Deal“. Dass aber doch wohl eine ganze Menge davon abhängt, zeigt die an den Haaren herbeigezogene Rechnung der vergangenen Woche.
Die Frage der Wahrhaftigkeit

Ungeachtet blieb auch die Tatsache, dass «Germany’s Next Topmodel» am vergangenen Donnerstag gar nicht das meistgesehene Programm in der Primetime war. «Die Schlussrunde», die im Ersten und beim ZDF ausgestrahlt wurde und sich 75 Minuten lang mit der Model-Castingshow überschnitt, verfolgten im Ersten 0,41 Millionen junge Zuschauer und im ZDF 0,51 Millionen – also insgesamt 0,92 Millionen 14- bis 49-Jährige. In Marktanteilen ausgedrückt kamen die beiden öffentlich-rechtlichen Sender somit auf 26,4 Prozent (ARD: 11,8% / ZDF: 14,6%). Als Einzelsender- und -Format ist die Marktführung nicht von der Hand zu weisen, aber strenggenommen, war es eben «Die Schlussrunde», die auf zwei Sendern ausgestrahlt wurde. Sat.1 und ProSieben rühmten sich auf ‚X‘ ebenso mit der Tatsache, dass das auf beiden Sendern ausgestrahlte «Wahl-Countdown: Die Kandidaten im Bürger-Speed-Dating» mit dem Halbfinale von «Chefsache ESC 2025 – Wer singt für Deutschland?» mithalten konnte, einzeln betrachtet aber ebenso eigentlich klar das Nachsehen hatte.
Spätestens seit der Kampf-Programmierung von «Du gewinnst hier nicht die Million bei Stefan Raab» gegen «TV total» und dem darauffolgenden ProSieben-Rückzug ist das Klima rauer geworden. Die Sender verstecken sich hinter waghalsigen Rechnungen, nur um sich irgendwie positiv darzustellen. ProSieben tut dies seit Jahren mit dem Ausweisen der sogenannten Nettoreichweite, bei der jeder Zuschauer gezählt wird, selbst wenn nur eine Sekunde geschaut wurde. RTL benutzt bei seiner Berechnung Methoden, die 2009 eingestellt wurden. Das mag angesichts der inhaltlichen Ideen von Stefan Raab zwar passend sein, führt die Vergleichbarkeit der Sender jedoch in eine Sackgasse.
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