Interview

Jürgen Werner: ‚Wir haben bewusst auf das Wort ‚Clan‘ verzichtet‘

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Der Autor des neuen «Tatorts» erzählte unter anderem, wie man Stefan Konarske zurückholte.

Der Dortmunder «Tatort» setzt zum Teil seit 2012 auf eine horizontale Erzählweise. Wie herausfordernd ist es für Sie, frühere Handlungsstränge immer wieder aufzunehmen und weiterzuentwickeln?
Manchmal wäre es schön, einfach mal „nur“ einen hoffentlich spannenden Krimi zu erzählen. Man muss mit Einschränkungen leben, muss Kompromisse schließen oder wie in „Cash“ auch noch den Ausstieg einer Hauptfigur erzählen, ohne dabei den eigentlichen Krimi aus den Augen zu verlieren. Das „zwingt“ einen dazu effektiv zu sein, keine Szene zu „verschwenden.“

Mit „Abstellgleis“ kehrt Daniel Kossik nach acht Jahren zurück. Wie kam es zu der Entscheidung, ihn wieder in die Handlung einzubauen?
Während einem Gespräch über das Exposé „Abstellgleis“, kam die Idee auf. Ich glaube Frank Tönsmann, der verantwortliche Redakteur beim WDR, hat den Vorschlag gemacht. Stefan Konarske hatte Lust darauf, die Hauptdarsteller fanden die Idee ebenfalls gut und mit Blick auf das, was noch kommt, haben wir uns am Ende gefragt, warum nicht gleich so?

Die interne Dynamik des Ermittlerteams ist im Dortmunder «Tatort» oft konfliktreich. Welche Aspekte dieser Spannungen waren Ihnen beim Schreiben von „Abstellgleis“ besonders wichtig?
Faber und Rosa Herzog haben sich zu einem echten Team entwickelt, das gut zusammenarbeitet, sich gegenseitig vertraut und die eine oder andere Leiche im Keller hat. Dieses Verhältnis auf die Probe zu stellen, war der ursprüngliche Gedanke. Die Figur Daniel Kossik zurückzuholen hat das Ganze noch verstärkt.

Die neue Hauptkommissarin Ira Klasnić bringt frischen Wind ins Team. Was macht ihre Figur so besonders, und wie beeinflusst sie die bestehenden Beziehungen im Präsidium?
Ira Klasnić kam am Ende der Folge „Cash“ neu ins Team. Faber und Rosa trauen ihr nicht, rücken dadurch enger zusammen, was in „Abstellgleis“ thematisiert wird. Es geht um Vertrauen, Loyalität und die Frage, wie weit bin ich bereit zu gehen, um mich und meinen Partner zu beschützen?

Die Geschichte dreht sich um einen Fall von Fahrerflucht mit möglichem Clan-Bezug. Wie haben Sie das Thema recherchiert, und welche realen Bezüge gibt es zur Handlung?
Wir haben bewusst auf das Wort „Clan“ verzichtet, weil Drogen-, oder Waffenhandel, Einbruch, Prostitution und Erpressung, wofür Familien wie Miri, Abou-Chaker oder Remmo stehen, nicht das Thema ist. Dass sich eine Kunstgalerie zur Geldwäsche eignet oder das Thema „Doktorarbeiten“, hat reale Hintergründe.

Der Dortmunder „Tatort“ ist bekannt für seine düstere, oft raue Atmosphäre. Was macht diesen Stil für Sie als Drehbuchautor so reizvoll?
Vielleicht liegt es daran, dass ich auch «Traumschiff» schreibe, da braucht es einen Gegenpol.  Der Mensch ist zu allem fähig, es gibt keinen Abgrund, in den er nicht hinuntersteigt. Es geht um Mord, das ist eine raue und düstere Welt, warum das schönrede und ich persönlich mag es einfach unbequem. Letztendlich kratzen wir im Tatort ja nur an der Oberfläche.

Zwischen der ersten Idee und der Ausstrahlung vergeht oft viel Zeit. Wie behalten Sie gesellschaftliche Entwicklungen im Blick, um Themen aktuell zu halten?
Man ist in sämtlichen Medien unterwegs, recherchiert, hört zu, diskutiert, philosophiert, während man versucht möglichst viele unterschiedliche Meinungen und Stimmungen in einen Topf zu werfen. Letztendlich liest man dann im „Kaffeesatz“, was könnte in ein, zwei Jahren ein Thema sein? Mal liegt man richtig mit seinem Gespür, aber oft holt einen die Zeit ein, dann muss man die Geschichte, so lange es noch möglich ist, neu anpassen.

Wie hat sich Ihr Schreiben über die Jahre verändert, seit Sie den Dortmunder «Tatort» mitgestalten?
Mir war immer wichtig, in Formaten wie dem Tatort, Fragen zu stellen, ich mag es nicht, wenn dazu gleich die „richtige“ Antwort geliefert wird. Die sollte jeder für sich selbst finden. Aber es wird immer schwerer, die Grautöne zu treffen. Wir verlieren die Fähigkeit zur sachlichen Auseinandersetzung, vor allem die Empathie geht, meiner Meinung nach, mehr und mehr verloren. Aber vielleicht ist gerade das die Chance für den Dortmunder Tatort, der für eine gewisse „Streitkultur“ steht, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man damit umgehen könnte.

Welche Herausforderungen gibt es beim Schreiben eines «Tatorts» für ein breites Publikum, das sowohl Stammzuschauer als auch Gelegenheitsseher umfasst?
Finde ein Thema das möglichst viele Menschen interessiert, einen Blickwinkel, der es dem Zuschauer nicht zu einfach macht, suche immer auch nach dem menschlichen im Bösen, damit man emotional dranbleibt, jage deine Ermittler auf den Baum und wirf mit Steinen nach ihnen.

Der Dortmunder-«Tatort» ist durch seine horizontale Erzählweise, was das betrifft, besonders gefordert. Die Horizontale, "was bisher geschah“, muss so etabliert werden, dass auch der Gelegenheitsseher, weiß worum es geht ohne die anderen zu langweilen. Gleichzeitig muss die Horizontale weiter vorangetrieben werden, ohne dabei den Krimiplot aus dem Blick zu verlieren.

Sie haben schon viele «Tatort»-Drehbücher geschrieben. Gibt es ein Element oder eine Erzählweise, die Sie besonders gerne ausprobieren würden, aber bisher nicht konnten?
Einen humorvollen Tatort, rau, düster und todernst erzählen. Den ganz normalen Wahnsinn des Alltags und dabei möglichst viele Regeln brechen. Sollte es jemals mit dem Dortmunder Tatort zu Ende gehen, was ich nicht hoffe und ich dann immer noch für den Dortmunder Tatort schreiben dürfen, was ich mir wünsche, bewerbe ich mich schonmal: Ich hätte da ne Idee…. 

Wie eng ist Ihre Zusammenarbeit mit Regie und Schauspiel? Gibt es während des Drehs noch Anpassungen am Drehbuch?
Es ist vor allem eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Was ich sehr schätze. Torsten C. Fischer ist der Regisseur von Abstellgleis. Er kann einen manchmal in den Wahnsinn treiben , aber was er am Ende aus dem Drehbuch macht, ist immer einen noch besseren Film. Der Dortmunder Tatort ist Jörg Hartmanns Baby und natürlich ist auch er bei der Entwicklung der Bücher und Horizontalen mit eingebunden, jeder kann, muss, darf gern seine Meinung sagen. Anpassungen, kleine Änderungen gibt es immer, im Verlauf eines Drehs. Film ist Teamwork, wenn man meine Mithilfe benötigt, bin ich da, wenn es vor Ort geklärt wird, bin ich deswegen nicht gekränkt.

Können Sie uns schon einen kleinen Ausblick geben, was die Zuschauer in Zukunft beim Dortmunder «Tatort» erwartet?
Wir werden Ira Klasnic besser kennenlernen und besser verstehen, warum sie ist, wie sie ist. Die Duka Familie, aus der Folge „Abstellgleis“ wird in der Zukunft noch eine wichtige Rolle spielen. Aber auch dann geht es nicht um die „Big Five“, Drogen-, Waffenhandel, Einbruch, Prostitution und Erpressung. Und wir bleiben unserer internen Tatort Dortmund Regeln treu: Langweile nie und sei immer für eine Überraschung gut.

Danek für Ihre Zeit!

«Tatort: Abstellgleist» ist am Sonntag, den 30. März, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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