Interview

Oliver Bottini: ‚Im Verlauf der Stoffentwicklung wurde 2023 immer mehr zur Hauptgeschichte‘

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Der Autor hat seinen Roman für die Miniserie «Das zweite Attentat» noch einmal umgeschrieben. Jetzt startet die Serie mit sechs Folgen im Ersten und in der Mediathek.

Ihr Roman "Einmal noch sterben" diente als Grundlage für die Serie «Das zweite Attentat». Welche Aspekte der Geschichte mussten für die TV-Adaption besonders angepasst werden?
Alle! Dramaturgie, Struktur, Figuren und Nebenhandlungen müssen ja ohnehin an die gänzlich anderen Erfordernisse einer TV-Serie angepasst werden. Dazu kam, dass der Roman nur im Jahr 2003 spielt, der WDR aber einen zusätzlichen Gegenwartsstrang sinnvoll fand. Wir haben deshalb den damals elfjährigen Sohn, Alex, zu einem jungen Mann gemacht, der 2023 herauszufinden versucht, was damals mit seinem Vater Frank in Wahrheit passiert ist. Im Verlauf der Stoffentwicklung wurde 2023 immer mehr zur Hauptgeschichte, 2003 trat dahinter zurück. Außerdem mussten wir 2003 im Hinblick auf Alex ändern, ihm mehr Bedeutung geben, als er anfangs hatte.

Die Serie verknüpft eine fiktive Familiengeschichte mit realen politischen Ereignissen. Wie haben Sie bei der Recherche das richtige Gleichgewicht zwischen Fakten und Fiktion gefunden?
Ich erfinde bei meinen Romanen immer Handlung und Figuren in ein reales Setting hinein, insofern war das kein größeres Problem. Beim Fernsehen – so mein Eindruck – geht man in der Fiction mit historischen Wahrheiten allerdings etwas entspannter um, als ich das von der Romanarbeit gewöhnt bin. Anfangs ist sie sehr wichtig, aber dann gilt: Was nicht ganz passt, wird passend gemacht. Und das ist ja auch völlig in Ordnung.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen, 2003 und 2023. Welche dramaturgischen Herausforderungen ergaben sich durch diese Struktur?
Das war schon knifflig, zumal beide Stränge viele Figuren haben und durch das Politische ziemlich komplex sind. Wir mussten in der Serie erst einmal 2023 als Haupthandlung und Alex als Hauptfigur etablieren, bevor wir 2003 zeigen konnten. Dann kann man natürlich nicht permanent hin- und herwechseln, muss andererseits aber auch aufpassen, dass der Zuschauer nicht auf einer Zeitebene den Faden verliert. Deswegen hat Barbara Eder, die Regisseurin, zum Beispiel den Schwerpunkt von Episode 2 auf 2003 gelegt.

Sie haben mit Zeitzeugen aus dem diplomatischen Umfeld gesprochen. Gab es dabei Momente, die Sie besonders überrascht oder geprägt haben?
Mich hat vor allem die Begegnung mit dem langjährigen UN-Diplomaten Hans-Cristof von Sponeck sehr bewegt. Er war von 1998 bis 2000 UN-Koordinator des Irak-Programms "Öl für Lebensmittel" und hatte sein Büro in Bagdad. Er ist dann aus Protest gegen die Irak-Sanktionen der UN zurückgetreten, weil er gesehen hat, welche verheerenden Auswirkungen das Embargo auf die Zivilbevölkerung hatte. Es sind schon in den 90ern Hundertausende Kinder gestorben, weil es zu wenig Medikamente und Lebensmittel gab. Im Roman hatte ich mehr Raum für diese Seite der Geschichte, in der Serie leider nicht.

Die Figur des Informanten „Curveball“ hat in der Realität eine große Rolle für den Irakkrieg gespielt. Warum ist dieser Aspekt der Geschichte heute noch so relevant?
Ich fand Curveball zum einen so interessant, weil er ein Informant des BND war, was bedeutet: Das ist ein spektakulärer deutscher Stoff. Deshalb wollte ich unbedingt damit arbeiten. Zum anderen zeigt der Umgang mit Curveballs Informationen damals, dass man auf die Wahrheit wenig Wert legte. Anderes war wichtiger: geopolitische und wirtschaftliche Interessen. Dafür nahm man viele Tausend Tote und die Zerstörung eines Landes in Kauf mit allem, was daraus resultierte (Erstarken des IS etc.). Der Irak-Krieg hat aber noch eine andere Bedeutung für heute, die vielen Menschen im Westen nicht bewusst ist: Er war völkerrechtswidrig. Wenn man verstehen will, warum der Westen in vielen Teilen der Welt als doppelzüngig und scheinmoralisch wahrgenommen wird – der Irak-Krieg ist eine Erklärung dafür.

Inwieweit haben sich Ihre eigenen Sichtweisen auf Politik und Geheimdienste während des Schreibprozesses verändert?
Eigentlich kaum. Die Recherche hat nur bestätigt, was ja schon mindestens seit dem Jugoslawien-Krieg sehr deutlich ist: Werte spielen in der internationalen Politik kaum eine Rolle, sie ist durch und durch interessen- und wirtschaftsgeleitet, selbst wenn sie unter dem Deckmantel Menschenrechte daherkommt. Deshalb bringt sie keine dauerhaften Lösungen. Und das führt uns immer tiefer in die Demokratieverdrossenheit und stärkt die politischen Ränder. Eine schreckliche aktuelle Konsequenz dieser Politik ist die erneute Wahl von Donald Trump und die Umgestaltung der USA zur Autokratie.

Alex Jaromin entdeckt nach 20 Jahren, dass sein Vater in eine Verschwörung verwickelt war. Was macht ihn für Sie zu einer spannenden Hauptfigur?
Alex ist, anders als sein Vater Frank, ein Zivilist, er bewegt sich nicht in der Welt der Geheimdienste. Politische Intrigen, Gewalt und tödliche Geheimnisse sind ihm fremd, abgesehen von den traumatischen Ereignissen in 2003 mit dem Überfall auf seine Familie. Ich fand es spannend, diesen "harmlosen" jungen Mann in die brutale Welt seines Vaters stolpern zu lassen, einfach nur weil er legitime Fragen stellt: "Was ist damals eigentlich wirklich passiert? Wenn ich seit Jahren mit lauter Lügen lebe – was ist dann die Wahrheit?" Dass er mit diesen Fragen eine Katastrophe auslöst, ist die Schuld und Verantwortung derer, die die "unmenschliche" Welt des Vaters gestalten.

Die „Gruppe Schmid“ und das „Annandale Institute“ stehen für undurchsichtige Machtstrukturen. Sind diese reine Fiktionen oder haben Sie sich an realen Vorbildern orientiert?
Es gab von 1997 bis 2006 in den USA den neokonservativen Think Tank "Project for the New American Century", der für die Dominanz der USA in der Welt eintrat. Schon in den 90er Jahren forderte das PNAC beispielsweise den Einmarsch im Irak. Viele Mitglieder der Bush-Regierung gehörten ihm an. Das PNAC ist das Vorbild für die beiden Gruppen in der Serie. Wie dicht an der Realität sie sind, zeigt das Beispiel der Heritage Foundation mit ihrem "Project 25" zum radikalen Umbau der USA unter Trump nach seiner Wiederwahl.

In der Serie gibt es viele starke Frauenfiguren, darunter die Ermittlerin Hanne Lay und die Aktivistin Simin Najeri. Welche Rolle spielen sie in der Geschichte?
Dazu kommt noch die tragische Figur der irakischen Dissidentin Abeer ... Wir hatten in 2003 und haben heute wieder eine extrem patriarchal geprägte Politik. Ich bin der Ansicht, dass es der Welt in so gut wie jeder Hinsicht besser ginge, wenn in allen Bereichen die Geschlechterparität Realität wäre. Deshalb war es mir wichtig, in der Serie wie im Roman nicht nur von Männern, sondern auch von starken Frauen zu erzählen. Sie symbolisieren die Hoffnung, nicht die Männer, und müssen angesichts der Machtverhältnisse zwangsläufig scheitern.

Nach dem Erfolg von „Einmal noch sterben“: Können Sie sich vorstellen, weitere Romane in diesem Polit-Thriller-Kosmos zu schreiben oder gar eine Fortsetzung der Serie?
Meine Romane sind ja alle mehr oder weniger politisch, und das wird sich erst mal nicht ändern. Politisch zu schreiben bedeutet für mich letztlich, einen Beitrag zur Wahrheitsfindung zu leisten und das zu erzählen, was sonst vielleicht unter den Tisch fällt. Was die Serie betrifft: Falls es beim WDR Interesse an einer Fortsetzung gibt, können wir gern darüber reden. Ich wälze aber auch mit großer Lust neue Serienprojekte im Kopf.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Das zweite Attentat» ist ab Mittwoch, den 2. April, um 10.00 Uhr in der ARD Mediathek abrufbar. Die ersten drei Folgen laufen am 9. April ab 20.15 Uhr, die finalen drei Geschichten sind ab Freitag, den 11. April, ab 22.30 Uhr im Ersten zu sehen.

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