Serientäter

«Adolescence»: Gute Serie – aber zu viel Drama

von   |  1 Kommentar

«This Is England»-Star Stephen Graham ging unter die Autoren. Er schuf gemeinsam mit Jack Thorne ein spannendes Drama. Leider ist der letzte Akt überflüssig.

DI Luke Bascombe (Ashley Walters) ist genervt, er versucht mit dem Rauchen aufzuhören. Er sitzt mit DS Misha Frank (Faye Marsay) im Polizeiauto und wartet auf das finale Go: Die beiden sind die Leiter bei einer Razzia einer Familie. Gefühlt zehn Fahrzeuge kommen in das Haus Millers, wo sie mit Maschinenpistolen am Anschlag nach einem potenziellen Mörder suchen. Das ist allerdings nicht Familienvater Eddie (Stephan Graham) oder Mutter Manda (Christine Tremarco). Sie haben es auf Lisas (Amélie Pease) Bruder Jamie (Owen Cooper) abgesehen, der sich vor Schreck in die Hose macht.

Mit Netflix kann man immer Mäuschen in einer anderen Welt sein: Nicht nur in dieser Serie, sondern auch wie die Polizei in anderen Ländern arbeitet. In Großbritannien können Kinder bereits ab zehn Jahren als Erwachsene verurteilt werden, die Rechtsprechung ist in der Tat grotesk. Genauso wie der Einsatz von Scharfschützen mit zehn oder mehr Menschen. Soll ein 13-Jähriger wirklich in der Lage sein, dass er überhaupt mehr als zwei Beamte überwältigen kann? Solche Unverhältnismäßigkeiten ist man allerdings auch zum Teil in Deutschland schon gewöhnt, wenn Personen Politiker im Internet beleidigen und dann eine Hausdurchsuchung am frühen Morgen ansteht.

Unter Protest der Familie wird Jamie mit auf eine Polizeiwache gebracht. Die Produzenten erzählten im Interview mit dem US-Branchenblatt „Variety“, dass dies das schwerste Unterfangen war: Schließlich musste man ein mietbares Haus suchen, dass man verkabeln konnte, das aber auch noch in der Nähe eines Produktionsstudios war. Denn: Die Serie wurde in Echtzeit ohne Schnitte gedreht. Hier hat man ein gesamtes Polizeirevier mit sämtlicher Technik nachgebaut. Die Detailversessenheit ist stark: Fingerabdruckscanner, mehrere Zellen, Verhörzimmer mit Komparsen auf zwei Stockwerken rundet dieses Theaterstück ab. Bereits vor über 30 Jahren machte die Serie «Emergency Room» mit mehrminütigen Kamerafahrten tolle Aufnahmen, bei «Adolescence» wurde eine ganz andere Verhältnismäßigkeit gesetzt. In der Eröffnungsszene der Serie hängt die Kamera noch an einer Drohne, ehe sie vom Kameramann genommen wird und man mit den Beamten ins Haus der Millers verschwindet.

Jedoch gibt es aufgrund der Echtzeit auch Nachteile: Es ist zum Teil auch einfach grotesker Unsinn, der dem Zuschauern vorgegaukelt wird. Innerhalb von acht Stunden haben die Beamten den Mord an der Teenagerin Katie Leonard befragt. Der Pflichtverteidiger, der gerufen wird, spaziert auch innerhalb von zehn Minuten gemütlich durch den Flur. Da waren andere Serien wie «The Closer» authentischer. Die Cop-Serie aus Los Angeles spielte auch immer damit, dass die Polizei chronisch unterfinanziert sei. Für einen 13-Jährigen so einen Aufstand zu machen, ist dagegen nicht verhältnismäßig. Dennoch haben DI Bascombe und DS Misha Frank nicht nur sämtliche Kameras der Stadt ausgewertet, sondern auch noch die Mutter befragt und ein Bewegungsprofil angelegt. Schon in der Nacht müssen die Beamten den gesamten Einsatz koordiniert haben, um einen solch großen Trupp an Polizisten aufzubringen. Die Tat soll nämlich zwischen 21.30 und 22.30 Uhr begangen worden sein.

Blickt man über diese Übertreibungen hinweg, ist die Szenerie dennoch sehr interessant. So wird beispielsweise gezeigt, wie ein Verdächtiger in einer Arrestzelle gebracht wird, welche Rechte er hat und wie schnell er einen Anwalt bekommen kann. Außerdem fungiert Vater Eddie als Jugendvertreter. Es kommt zum Verhör, wo der junge Mann von DI Luke Bascombe und DS Misha Frank hinters Licht geführt wird. Er bekommt immer wieder Fragen gestellt, bei denen er mit Hilfe seines Anwalts schweigt. Das führt dazu, dass die Situation sich in einem typischen Katz- und Maus-Spiel verfängt und eben auch dazu führt, dass es nicht mehr ganz so spannend wird. Schließlich haben die Ermittler ein Tatvideo, das einen jungen Mann auf eine Person einstechend zeigt.

Vier Tage nach diesem Ereignis kommen Bascombe und Frank an die frühere Schule von Jamie und suchen dort unter anderem nach dem Messer. Wie eine Kamerafahrt gegen Ende der Folge zeigt, ist der Tatort und die Schule nur einen Katzensprung entfernt. Unterm Strich ist die Episode allerdings zum großen Teil für die Katz‘: Die ersten Hinweise kann ein Schüler geben, dass Jamie von zahlreichen Mitschülern gemobbt wurde. Hier gilt leider: Die Technik soll die schwache Folge ausgleichen. Es ist natürlich ein schönes Theaterspiel, was die Produzenten auf die Beine stellen. Mehrere hundert Schüler sind in dieser einzelnen Aufnahme zu sehen, was durch einen Feueralarm noch einmal verdeutlich wird, wenn die gesamten Personen außerhalb der Schule versammelt werden. Der inhaltliche Wert dieser Episode ist hingegen schwach.

Sieben Monate nach dem versuchten Mord ist Jamie in einer Jugendpsychiatrie untergebracht. Die Psychologin Briony Ariston (Erin Doherty) trifft ihn hier zum vierten Mal. Das therapeutische Gespräch zwischen Jamie (verkörpert durch den exzellenten Newcomer Owen Cooper) und der Therapeutin ist wirklich magisch. Gerade in dieser Geschichte wird allerdings erstmals das gesamte Verbrechen in einem Gespräch erläutert. Hier hat man sich unter anderem an dem Klassiker «In Treatment» bedient, das erstmals auf sämtliche Erzählungen verzichtete und reine Gespräche zwischen Patienten und Therapeuten in einem Behandlungszimmer aufzeigte. Es wird immer wieder zwischen Jamie und seiner Therapeutin sehr emotional, sodass man als Rezipient auch die Geduld mit dem vermeidlichen Täter verliert.

So gut die dritte Folge war, so unnütz ist das Finale. An Eddies 50. Geburtstag wollen die Millers feiern, doch aufgrund eines Graffitis muss die Familie in den Baumarkt. Zwischenzeitlich ruft Jamie an, der eine Grundsatzentscheidung gefällt hat. Allerdings ist das Problem, dass Co-Autor Stephen Graham seine Figur wichtiger nahm als Jamie selbst. Als Netflix-Abonnent kann man auf diese Geschichte verzichten, weil einfach nichts Wichtiges passiert.



«Adolescence» ist vor allem durch die intensiven Dreharbeiten aufgefallen. Doch eine Serie muss auch inhaltlich fruchten. Die zweite Folge aus der Schule drehte sich eher im Kreis, die vierte Folge brachte die Handlung auch nicht voran. Der Anspruch der Macher war hoch, aber auch unnötig. Die meisten Fernsehzuschauer bekommen noch nicht einmal mit, dass in dieser Serie nicht geschnitten wurde. Es ist ein zum Teil sehr dicht erzähltes Drama, das allerdings noch ein paar bessere Momente haben können. Während die erste und die dritte Folge begeistern, sind die Geschichte zwei und vier unter ihren Möglichkeiten. Am Ende bleibt «Adolescence» eine gute Drama-Serie, die man gedanklich abheftet und nie wieder schauen wird. «Adolescence» punktet allerdings mit dem Thema Mobbing unter Jugendlichen, weshalb Eltern durchaus ein Auge drauf haben sollten.

«Adolescence» ist bei Netflix streambar.

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silvio.martin
01.04.2025 18:33 Uhr 1
Fabian, lass es bitte! Eine Serie die durchweg hervorragende Kritiken bekommen hat, bezeichnest du als durchschnittliches Drama. Ich kann mir noch kein Urteil bilden, da noch nicht gesehen, aber irgendwie seltsam, wie Du von den anderen Meinungen abweichst. Mal von der schreiberischen Qualität ganz zu schweigen, aber dass kenn wir ja nicht anders, siehe zB. Monitor.
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