
Mit Netflix kann man immer Mäuschen in einer anderen Welt sein: Nicht nur in dieser Serie, sondern auch wie die Polizei in anderen Ländern arbeitet. In Großbritannien können Kinder bereits ab zehn Jahren als Erwachsene verurteilt werden, die Rechtsprechung ist in der Tat grotesk. Genauso wie der Einsatz von Scharfschützen mit zehn oder mehr Menschen. Soll ein 13-Jähriger wirklich in der Lage sein, dass er überhaupt mehr als zwei Beamte überwältigen kann? Solche Unverhältnismäßigkeiten ist man allerdings auch zum Teil in Deutschland schon gewöhnt, wenn Personen Politiker im Internet beleidigen und dann eine Hausdurchsuchung am frühen Morgen ansteht.

Jedoch gibt es aufgrund der Echtzeit auch Nachteile: Es ist zum Teil auch einfach grotesker Unsinn, der dem Zuschauern vorgegaukelt wird. Innerhalb von acht Stunden haben die Beamten den Mord an der Teenagerin Katie Leonard befragt. Der Pflichtverteidiger, der gerufen wird, spaziert auch innerhalb von zehn Minuten gemütlich durch den Flur. Da waren andere Serien wie «The Closer» authentischer. Die Cop-Serie aus Los Angeles spielte auch immer damit, dass die Polizei chronisch unterfinanziert sei. Für einen 13-Jährigen so einen Aufstand zu machen, ist dagegen nicht verhältnismäßig. Dennoch haben DI Bascombe und DS Misha Frank nicht nur sämtliche Kameras der Stadt ausgewertet, sondern auch noch die Mutter befragt und ein Bewegungsprofil angelegt. Schon in der Nacht müssen die Beamten den gesamten Einsatz koordiniert haben, um einen solch großen Trupp an Polizisten aufzubringen. Die Tat soll nämlich zwischen 21.30 und 22.30 Uhr begangen worden sein.

Vier Tage nach diesem Ereignis kommen Bascombe und Frank an die frühere Schule von Jamie und suchen dort unter anderem nach dem Messer. Wie eine Kamerafahrt gegen Ende der Folge zeigt, ist der Tatort und die Schule nur einen Katzensprung entfernt. Unterm Strich ist die Episode allerdings zum großen Teil für die Katz‘: Die ersten Hinweise kann ein Schüler geben, dass Jamie von zahlreichen Mitschülern gemobbt wurde. Hier gilt leider: Die Technik soll die schwache Folge ausgleichen. Es ist natürlich ein schönes Theaterspiel, was die Produzenten auf die Beine stellen. Mehrere hundert Schüler sind in dieser einzelnen Aufnahme zu sehen, was durch einen Feueralarm noch einmal verdeutlich wird, wenn die gesamten Personen außerhalb der Schule versammelt werden. Der inhaltliche Wert dieser Episode ist hingegen schwach.

So gut die dritte Folge war, so unnütz ist das Finale. An Eddies 50. Geburtstag wollen die Millers feiern, doch aufgrund eines Graffitis muss die Familie in den Baumarkt. Zwischenzeitlich ruft Jamie an, der eine Grundsatzentscheidung gefällt hat. Allerdings ist das Problem, dass Co-Autor Stephen Graham seine Figur wichtiger nahm als Jamie selbst. Als Netflix-Abonnent kann man auf diese Geschichte verzichten, weil einfach nichts Wichtiges passiert.
«Adolescence» ist vor allem durch die intensiven Dreharbeiten aufgefallen. Doch eine Serie muss auch inhaltlich fruchten. Die zweite Folge aus der Schule drehte sich eher im Kreis, die vierte Folge brachte die Handlung auch nicht voran. Der Anspruch der Macher war hoch, aber auch unnötig. Die meisten Fernsehzuschauer bekommen noch nicht einmal mit, dass in dieser Serie nicht geschnitten wurde. Es ist ein zum Teil sehr dicht erzähltes Drama, das allerdings noch ein paar bessere Momente haben können. Während die erste und die dritte Folge begeistern, sind die Geschichte zwei und vier unter ihren Möglichkeiten. Am Ende bleibt «Adolescence» eine gute Drama-Serie, die man gedanklich abheftet und nie wieder schauen wird. «Adolescence» punktet allerdings mit dem Thema Mobbing unter Jugendlichen, weshalb Eltern durchaus ein Auge drauf haben sollten.
«Adolescence» ist bei Netflix streambar.
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01.04.2025 18:33 Uhr 1