Pro von Jan Schlüter:

Die Krise hat die deutsche Serienlandschaft massiv ausgedünnt und komplett umgekrempelt. Plötzlich fragten sich die Macher, was überhaupt noch beim Zuschauer funktionieren kann. Anfängliche Versuche, die vor allem visuell beeindruckenden Crime-Formate oder Medical Dramas aus den USA nachzuahmen und auf den „Erfolgszug“ aufzuspringen, scheiterten gnadenlos und als finanzielles Desaster, was logischerweise daran lag, dass deutsche Kopien von US-Serien weder inhaltlich noch vom Budget her mit den Originalen mithalten konnten. Und so verschwanden Formate wie «Verschollen» oder «Klinik am Alex» schnell im Giftschrank der Senderbosse.

All diese Erfolge sind besonders darauf zurückzuführen, dass die neuen deutschen Serien innovativ verpackt sind, einen eigenständigen und nicht abgekupferten Plot haben und letztendlich außer Konkurrenz laufen, da es keine US-Pendants dieser Formate gibt. Die deutsche Serienkrise hat also vor allem dem Fernsehzuschauer geholfen, der qualitativ hochwertige Serienware nicht nur aus den USA, sondern nun auch aus der Heimat bekommt und augenscheinlich wertschätzt, dass die deutschen Formate einfach anders und keineswegs out of date sind. Es brauchte also eine Krise, damit sich die deutsche Serienlandschaft von alten Genre- und Konzepttraditionen trennt und sich neu erfindet. Die NDW, die Neue Deutsche Welle der Serien ist angebrochen – und könnte vielleicht einer der großen Fernsehtrends der nächsten Jahre werden.
Contra von Christian Richter:

Am auffälligsten war dies bei «Post Mortem» (RTL) und «R.I.S. – Die Sprache der Toten» (Sat.1). Dort wurde nicht einmal versucht zu verschleiern, dass man dem US-Original «CSI – Den Tätern auf der Spur» in jeder Sendeminute nacheiferte. Zuweilen übernahm der RTL-Dauerbrenner «Alarm für Cobra 11» typische Stilelemente und Kamerafahrten der amerikanischen Krimireihe. Die Sat.1-Serie «Dr. Molly & Karl» war lediglich ein farbloser Abklatsch von «Dr. House» und auch der gescheiterten Produktion «Klinik am Alex» (Sat.1) sah man die Vorlagen der sogenannten „Medical Dramas“ deutlich an.
Die ProSieben-Serie «Alles außer Sex» mit Anette Frier kopierte einfach die Erfolgsserie «Sex and the City», was schon im Titel deutlich wurde. Mit «Verrückt nach Clara» gab der Sender später eine deutsche Adaption einer französischen Serie in Auftrag, bei der sogar der Name der Hauptfigur unverändert blieb. Als ab 2006 bei RTL «Die Familienanwältin» ihren ersten Dienst antrat, kämpfte sie in der erste Folge in exakt demselben Fall, der schon der Pilotfilm zum US-Original «Family Law» war. Die Autoren haben das Buch einfach übernommen.

Auch wenn es vereinzelte Gegenbeispiele geben mag, hat der allgemeine Rückgang des Interesses an deutschen Serien in erster Linie zu weniger Mut bei den Autoren und Sendern und somit zu einer wahren Kopierflut geführt. Damit verloren die neuen Produktionen eine nationale Identität, die sie von ausländischen Importen unterscheiden würde und vielleicht den Erfolg zurückbringen könnte. Ein bloßes Klauen von Ideen, Figuren und kompletten Serien darf nicht mit der Verbesserung der Qualität verwechselt werden. Abschreiben ist keine bemerkenswerte Leistung.