Am 27. Januar 2011 startet «Tron: Legacy» in den deutschen Kinos. Bereits vor dem Filmstart ist das Interesse an der Disney-Produktion riesig.

In den 90er Jahren wuchs nicht nur der Kultzuschauerkreis für «Tron», auch sein Einfluss auf die Filmwelt zeigte sich mit zunehmender Deutlichkeit. Beispielsweise kam der damaligen Konzeptzeichner und Storyboarder Roger Allers durch seine Arbeit an «Tron» erstmals zu den Disney-Studios. Kurz nach «Tron» versuchte er sein Glück in Animationshäusern außerhalb der USA, bevor er 1985 zu Disney zurückkehrte, nun als Angestellter in Disneys Zeichentrickabteilung. Allers arbeitete an der Story zu «Oliver & Co.» und «Aladdin» mit, bevor er die Regie bei «Der König der Löwen» übernahm, dem bis dato weltweit erfolgreichsten Zeichentrickfilm.
Den umgekehrten Weg nahm hingegen John Lasseter: Dieser war während der Produktion von «Tron» als Zeichner am Kurzfilm «Mickys Weihnachtserzählung», einige befreundete Animatoren waren allerdings an «Tron» beteiligt, weshalb er sich aus Neugier deren Arbeit ansah. Von dem gezeigten Material beeindruckt, drängte er seine Vorgesetzten, sich stärker der Computeranimation zuzuwenden, stieß letztlich aber bloß auf taube Ohren. Lasseter verließ Disney und ging zu dem Animationshaus, welches heute als Pixar Animation Studios bekannt ist, wo er nach einigen Oscar-prämierten Kurzfilmen die Regie bei «Toy Story 1 & 2», «Das große Krabbeln» und «Cars» übernahm und bei sämtlichen anderen Produktionen ebenfalls eine Schlüsselrolle besetzte. Lasseter, nun kreativer Leiter der Disney-Trickstudios, beteuerte in Interviews mehrfach, er hätte ohne «Tron» niemals diesen Weg eingeschlagen.
Während Backlit Animation aus der Mode kam, bewies sich «Tron» selbstredend als Vorreiter intensiver Computereffekte. Doch auch die Dreharbeiten selbst waren eine kleine Pionierleistung: «Tron» wurde nahezu ohne Setbauten auf einer komplett schwarzen Bühne gedreht. Ein damals vollkommen ungewohntes Vorgehen, welches «Tron» die Mitwirkung von Peter O’Toole kostete. Dieser zeigte sich vom Drehbuch begeistert, zog sich aber enttäuscht vom Projekt zurück, als er erfuhr, dass keine aufwändigen Bühnenbauten und Requisiten geplant waren. Mittlerweile gehören komplett oder zumindest großteils vor Blue-/Greenscrenn gedrehte Filme wie «Sin City», «Avatar» oder «Alice im Wunderland» zum Alltag in Hollywood.

Die Geschichte wiederholt sich: Der Weg zu «Tron: Legacy»
Im Juli 2007 trafen sich Comicautor und Werbefilmer Joseph Kosinski und Produzent Sean Bailey («Gone Baby Gone»), um über mögliche Filmprojekte zu sprechen. Bailey wollte wissen, wie Joseph Kosinski den seit mehreren Jahren erfolglos in der Planungsphase feststeckenden zweiten «Tron»-Film angehen würde. Kosinski legte sofort fest, dass er sich aus Respekt gegenüber dem Original keinesfalls an «Matrix» orientieren würde und auch kein Interesse habe, einen «Tron»-Film zu drehen, der im Internet spielt. Stattdessen wolle er in einer Welt wie der des Originals bleiben und sie dem heutigen technischen Standard anpassen, nicht jedoch dem Mainstream-Geschmack. Bailey und Kosinski vertieften diese Pläne und sahen auch die 3D-Technologie als integralen Teil eines neuen «Tron»-Films. Mit seinem Entwurf trat das Duo an die Disney-Studios heran und bat, statt stundenlang die Pläne für den zweiten «Tron» nachzuerzählen, ein Konzeptvideo drehen zu dürfen. Da das Studio der «Tron»-Fortsetzung eine hohe Priorität einräumte, wurde Kosinski das nötige Geld zur Verfügung gestellt. Er und Bailey gewannen Jeff Bridges für ihr Promovideo, welches auf der San Diego Comic Con 2008 als unangekündigter Testballon im Anschluss an eines der Disney-Panel aufgeführt wurde. Das Studio wollte anhand der Reaktionen das Urteil fällen, ob genügend Publikumsinteresse für eine «Tron»-Fortsetzung und Kosinskis visuell modernisierten Ansatz am «Tron»-Design besteht.
Die Publikumsreaktionen auf der Comic Con waren durchweg positiv, woraufhin das Studio Bailey und Kosinski freies Geleit gab: In einem Interview mit First Showing erklärte Kosinski, dass das Studio ihm gegenüber mehrmals betonte, er dürfe die Definition des Disney-Markennamens mit «Tron: Legacy» neu schreiben und dass er deswegen künstlerische Freiheit genoss. Als Mentor und Berater wurde Steven Lisberger herangezogen, er beteiligte sich außerdem als Produzent.

In Disney’s California Adventure Park fanden in den letzten Monaten vor Kinostart dreimal wöchentlich «Tron: Legacy»-Themennächte statt und im Herbst 2010 wurden außerdem im Rahmen einer «Tron Night» auf über 500 Leinwänden weltweit 23 Minuten aus dem Film gratis aufgeführt.
Diese Promoarbeit, die fast so viel Geld wie die Filmproduktion verschlang, sollte «Tron: Legacy» über das Nischenpublikum seines Vorgängers hinaus bekannt machen und als Kinoevent des Winters 2010/11 etablieren. Jedoch zeigte sich der Disney-Konzern in Sachen «Tron» schon einmal äußerst selbstbewusst.
Nach der Veröffentlichung: Was bleibt vom Hype?
Wie zufrieden Disney mit den tatsächlichen Kinoeinnahmen von «Tron: Legacy» sein kann, muss sich erst noch zeigen. Die laut manchen Insidern in vorsichtiger Hoffnung vom Konzern gemutmaßte Milliarde Dollar dürfte an den Kinokassen nahezu unmöglich machbar sein. Die realistischeren studiointern gesetzten Erwartungen wurden dagegen in den USA bislang eingehalten, wenngleich im unteren Bereich des Erwartungshorizontes. «Tron: Legacy» startete in den USA mit einem 44 Millionen Dollar schweren Wochenende, außerhalb der Staaten überschritt er innerhalb von 17 Tagen die 100-Millionen-Dollar-Marke. Das genügt immerhin, um Disney derzeit an den Plänen für eine «Tron»-Animationsserie festhalten zu lassen. Wie die Chancen für den angedachten dritten Teil stehen, wird dagegen wohl vom weltweiten Gesamtergebnis und dem weiteren Verlauf des Merchandisingverkaufs abhängig sein. Bislang ist der Konzern laut Insidern wie dem Medien-Blogger Jim Hill mit den Verkaufszahlen von «Tron: Legacy»-Artikeln jedenfalls äußerst zufrieden. Es scheinen also genügend Kinobesucher von «Tron: Legacy» Gefallen an dem gefunden haben, was sie sahen. Auf IMDb steht «Tron: Legacy» derzeit mit einer durchschnittlichen Benotung von 7,4 auch über seinem Vorgänger, der von den Usern trotz seines Kultstatus bloß eine Bewertung von 6,7 aus 10 Punkten erhielt. Gewissermaßen ist «Tron: Legacy» in all diesen Belangen ein berechtigter Nachfolger von «Tron». Nach riesigen kommerziellen Erwartungen entpuppt er sich als für seine Massenuntauglichkeit passabler Erfolg.

Nicht bloß kommerziell, auch qualitativ gilt für «Tron: Legacy» das Motto: Gelungen, aber nicht die erhoffte Revolution. Wie bereits «Tron», lud sich das Drehbuch zu «Tron: Legacy» mehr auf, als die Autoren und der das Projekt ausführende Regieanfänger stemmen konnten. Im Falle von «Tron: Legacy» mündete dies in einen recht klassischen Sci-Fi-Plot mit zumeist konventionellen Figuren, die sich aber in einem sehr einfallsreichen Setting befinden. Der Verlauf einzelner Szenen übersteigt die Originalität der Gesamthandlung, und durch die sperrigen Übergänge zwischen den Storyakten werden sehr viele «Tron: Legacy» für dümmer halten, als er eigentlich ist. Denn hinter der simplen Handlung verbirgt sich ein komplexes und faszinierendes Gedankenkonstrukt, das das Verhältnis von unserer Gesellschaft zur Computertechnologie kommentiert. Diese Elemente wurden von den «Lost»-Autoren Edward Kitsis und Adam Horowitz jedoch sehr abstrahiert und implizit in «Tron: Legacy» eingewoben, weshalb sie neben dem audiovisuellen Effektspektakel für die meisten Zuschauer leider untergehen dürften. Zugleich ist «Tron: Legacy» aber auch nicht so smart, wie seine Macher ihn offenbar halten. Und obwohl «Tron: Legacy» mehr Wert als «Tron» auf einen emotionalen Bezugspunkt legt, ist es weiterhin ein eher kühl-distanzierender Film.
Wo «Tron: Legacy» jedoch wirklich glänzt, ist sein Status als Kinoereignis. Die Effektarbeit und die Inszenierung der Actionsequenzen sind hervorragend und Daft Punks packende Filmmusik lässt, insbesondere in Zusammenwirkung mit dem gelungenen 3D, den Kinogänger vollkommen in der Sci-Fi-Welt des Films abtauchen. «Tron: Legacy» ist praktisch eine Achterbahnfahrt durch eine ambitioniert gestaltete Kunstinstallation. Die Geschichte mag keine Begeisterungsstürme auslösen, wer aber dem Look von «Tron: Legacy» etwas abgewinnen kann, wird «Tron: Legacy» als Erlebnis wertschätzen und sicher zu den ersten Kinohighlights 2011 zählen.
Nach fast 30 Jahren Wartezeit wäre eine weniger distanzierende Kinoerfahrung erfreulich gewesen und dass die Fernsehautoren Kitsis und Horowitz nicht derart episodenhaft erzählen, ist ebenfalls eine kleine Enttäuschung. «Tron: Legacy» würde spürbar besser funktionieren, käme seine groß angelegte und im Vergleich zum Original auch düstere Geschichte wie aus einem dramaturgischen Guss, statt nach jeder umwerfenden Passage kurz zu einem Halt kommen. Dennoch ist «Tron: Legacy» aufgrund seiner kaum zu übertreffenden Einheit aus Klang und Bild, guten Darstellerleistungen von Jeff Bridges, Olivia Wilde und Michael Sheen als extrovertierter Nachtclubleiter und den überwältigenden Actionsequenzen sehr unterhaltsam. Man sollte bei «Tron: Legacy» also einfach bloß nicht zu sehr über das nach oben offene Potential nachdenken, sondern sich ganz auf das gelieferte Spektakel konzentrieren. Wer mag, kann nach dem Kinobesuch ja immer noch über die verborgene Bedeutung sinnieren.