
«Luck» startet mit der Entlassung von Chester „Ace“ Bernstein (Dustin Hoffman) aus dem Gefängnis. Mit einem steinigen, ernsthaften Gesicht macht er sich zusammen mit seinem redegewandten Fahrer Gus (Dennis Farina) auf in die Welt des Pferderennens, wo er sicherlich einige Hühner zu rupfen hat. Währenddessen begleitet die Episode den schnell sprechenden, kaum verständlichen Pferdetrainer Escalante (John Ortiz), der mit seinem neuen Pferd einen riskanten Weg einschlägt. Nicht nur tanzt er zwischen den Jockeys und den Agenten des Sports herum, auch muss er beweisen, warum er immer noch ein respektabler und anerkannter Trainer in Business ist. Zuguterletzt werden die Erlebnisse einer Gruppe von Wettspielern erörtert, die gerade dabei sind ihre „Pick 6“ (was man als Lotto im Pferderennen verstehen kann: Setze auf sechs siegreiche Pferde in sechs aufeinanderfolgenden Rennen, und gewinne Millionen) zusammenzustellen. Natürlich nicht ohne auf einige Probleme innerhalb der Gruppe zu stoßen.
Serienpiloten sind in der Regel eine Einführung in die Situation, eine Vorstellung der Charaktere, eine Erklärung von unbekannten Storyelementen. Serienpiloten sind auch dann besonders gut, wenn sie diese Eigenschaften neben einer sinnvollen und aufeinanderfolgend logischen Story in ein Drehbuch packen können, welches nicht durch Langeweile oder Überlänge überzeugt. Und wenn man hier einmal HBO herausnimmt, halten sich auch die meisten amerikanischen Fernsehsender an diese Form von Serienpiloten. «Luck» ist so ein TV-Pilot, der sich überhaupt nicht an die Regeln hält und stattdessen die Zuschauer gleich ins kalte Wasser springen lässt. David Milch ist bekannt dafür, von seinem Publikum einiges abverlangen zu müssen, und diese nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu fordern. Im Falle von «Luck» kann man allerdings die These aufstellen, dass die Form des unkonventionellen TV-Piloten für HBO und deren Serienautoren verkehrt ist. Man darf behaupten, dass Autoren wie Milch völlig falsch an ihre Geschichten herangehen und damit riskieren, das Publikum von der ersten Minute an zu verschrecken.

Hier liegt auch das zurzeit größte Problem der Serie: Nach einer Stunde weiß der Zuschauer gar nicht, wohin die Serie sich entwickeln soll, und was Milch eigentlich ausdrücken will. Ist man nach dem Piloten noch in der Lage, über die Gedankengänge eines David Milch nachzudenken, kommen sicherlich mehrere Punkte zusammen, warum «Luck» als eine perfekte Serie angesehen werden kann. Doch es wird einfach nicht gern gesehen, wenn Metaphern, Fragezeichen über den Storys, unklare Handlungen der Charaktere, sowie ein wirres Gefüge von Szenen, die auf den ersten Blicken nicht zusammengehören, über der Erzählung der Geschichte gelegt werden. Mit jedem „künstlichen“ Element in der Episode geht ein Teil des eigentlich klaren Handlungsbogens der Serie verloren. Am Ende ist «Luck» nicht unbedingt eine Serie, die in der Lage ist über Allegorien das Verständnis des Pferderennsports wiederzugeben, oder darauf bedacht ist den Terminus dieser Kultur zu durchleuchten. Darauf verzichtet Milch nämlich größtenteils – Erklärungen gibt es keine, stattdessen eine bedeutungsschwangere Szene nach der anderen, die auch noch den Sport selbst ins schlechte Licht rücken. Was «Luck» als Serie am Ende darstellen soll, ist bisher unklar.
HBO-„Fans“ sind das allerdings schon gewohnt, weshalb das Klientel des Bezahlsenders wohl eher verstehen kann, was es mit «Luck» auf sich hat. Andere wiederum werden erkennen, dass der Powercast bestehend aus Hollywoodstars und den Besten, was das Fernsehen zurzeit zu bieten hat, die Existenz der Serie erklärt. Und ein kleiner Rest ist bewandert in Pferderennsport, weshalb es nicht nötig ist, auf Erklärungen zu pochen. Für den Großteil der Zuschauer dürfte «Luck» nach einer Stunde nicht nur abschreckend, sondern ganz einfach langweilig sein. Am Ende gelingt es noch nicht einmal Regisseur Michael Mann, aus «Luck» eine Serie zu machen, welche die Emmys und Golden Globes in 2012 und 2013 rechtfertigt (dass Dustin Hoffman zumindest nominiert wird, ist schon seit der Nachricht seines Castings zu erwarten). «Luck» ist ganz einfach eine Serie, die zu anspruchsvoll und fordernd wirkt, und den einen oder anderen Zuschauer genau deshalb unterhalten wird. Der Rest wird vor Müdigkeit die Achseln zucken und sich der nächsten Serie zubewegen. Das soll nicht heißen, dass «Luck» eine schlechte Serie ist. Halt nur ausgerichtet für ein spezielles Klientel der Fernsehzuschauer – und davon wird es wahrscheinlich nicht viele geben, um der Serie eine lange Laufzeit oder besonders euphorische Kritiken zu garantieren. Das «Treme» von 2012 sozusagen.