
Unfähig, anderweitig ihre Tochter zu versorgen, sieht sich Fantine zur Prostitution gezwungen. Einer ihrer Freier wird aufgrund Fantines Abweisung handgreiflich, woraufhin sich diese wehrt – doch gegenüber dem durch Inspektor Javert verkörperten Recht hat die gefallene Frau aufgrund ihres schlechteren Stands keine Aussicht auf Gerechtigkeit. Bloß dank des Einschreitens durch Monsieur Madeleine/Valjean wird sie in ein Krankenhaus überwiesen. Nach Fantines Dahinscheiden beschließt Madeleine/Valjean, für ihre Tochter Cosette aufzukommen. Da seine Maskerade allerdings aufgeflogen ist, muss er gemeinsam mit seiner Ziehtochter fliehen. Javert schwört, den Flüchtling aufzutreiben und niederzustrecken – aber als sie sich das nächste Mal über den Weg laufen, bahnen sich um Javert und Valjean herum weitaus größere Dinge an: Die Armen von Paris nehmen die Ungerechtigkeit im Lande nicht weiter hin und planen einen Aufstand. Die revolutionären Studenten und die Bettler der Stadt strotzen vor Tatendrang, und so ist eins gewiss: Nach Ausruf der Revolution wird Blut fließen …

Musicalfreunde, deren Kenntnis des Genres über solche Kassenschlager wie «Mamma Mia!» oder diverse Disney-Beispiele hinausreicht, kennen diese Form des schauspielenden Gesangs zwar kaum aus der Kinowelt, jedoch von zahlreichen durchkomponierten Bühnenstücken und sollten deswegen keinerlei Eingewöhnungszeit brauchen. Weniger Musicalerfahrene könnten in den ersten Filmminuten wegen des ungewohnten Gesangsstils zunächst irritiert sein, doch die zurecht seit mehr als 25 Jahren bewährten Lieder aus «Les Misérables» und die gewinnenden Leistungen der Filmdarsteller sollten auch Novizen von dieser Musicalform überzeugen.

Das wohl am stärksten polarisierende Element an dieser Musicalverfilmung ist indes, wie die internationale Rezeption bereits zeigte, Danny Cohens ungewöhnliche, von Nahaufnahmen dominierte Kameraführung. Während mehrerer Szenen fängt Cohen vor verschwimmendem Hintergrund nahezu ausschließlich das Gesicht des jeweils singenden Darstellers ein, drängt sich in die Distanzzone der leidenden Figuren und bildet ihren seelischen oder körperlichen Schmerz unverblümt ab. Mehrere Kernszenen des ansonsten rasant geschnittenen Films lassen Cohen und Hooper in einem einzigen Take durchlaufen, so etwa Anne Hathaways herzzerreißenden Zusammenbruch während der tragischen Ballade „I Dreamed a Dream“.
Dadurch, dass sie in ihrem Leinwandmusical emotionale Wendepunkte in ausführlichen Nahaufnahmen einfangen, tragen Hooper und Cohen sowohl den Vor- als auch den Nachteilen des Filmmediums Rechnung: Zuschauern des Bühnenstücks bleiben Closeups der Darsteller verwehrt, und durch eben diese intimen Kameraeinstellungen kompensieren die Filmemacher den Verlust der persönlichen Direktheit einer Live-Performance. Mindestens genauso mitreißend wie die ausschweifenden Plansequenzen sind die Szenen, in denen intensiv Gebrauch von abgeschrägten, desorientierenden Kamerawinkeln und besonders raschen Schnitten gemacht wird. Zu diesen hypnotischen Sequenzen zählt etwa Fantines Absturz von einer einfachen Arbeiterin zu einem geschundenen, abgemagerten und beschämten Freudenmädchen. Der kakophonische Gesang in dieser Liedsequenz, die eingängige wie eindringliche Melodie des Songs und die Bildsprache bilden eine prägnante formale und inhaltliche Einheit, durch die eine Sogwirkung entsteht, die Fantines Elend nachfühlen lässt.

Deswegen ist nicht auszuschließen, dass einige Kinogänger, auch Liebhaber des Originalmusicals oder der Buchvorlage, der Klanggewalt und fantastischen Darstellerleistungen zum Trotz leicht enttäuscht das Lichtspielhaus verlassen werden. „Wenn man schon eine aufwändige Hollywood-Verfilmung dieses Musicals in Angriff nimmt, solche Stars versammelte und keine Kompromisse für ein Massenpublikum einging, wieso nutzte man nicht alle Ressourcen und schuf ein bombastisches Musicalepos?“, dürfte der Leitgedanke vieler enttäuschter Kinogänger sein.
Wer denkt, dass «Les Misérables» durch seine Rastlosigkeit und beständigen, förmlich an den Gesichtern der Darsteller haftenden Nahaufnahmen eine einmalige Chance vertan hat, ersehnte offensichtlich einen völlig anderen Film, als ihn sich Regisseur Tom Hooper vornahm. Seine Inszenierung ist zuweilen schwindelerregend, Hooper raubt seinen Zuschauern mehrmals jegliches Gefühl für den Handlungsort und die erzählte Zeit, gen Ende des Films darf es nicht verwundern, wenn man als Betrachter ausgelaugt und erschöpft ist. Was bei einer gewöhnlichen Kinoproduktion gegen die Verantwortlichen spricht, spricht in diesem Fall für eine passionierte Herangehensweise des Regisseurs.

«Les Misérables» gestattet dem Betrachter keine Sekunde der Distanznahme, durch die Rastlosigkeit der Erzählweise klammert der Oscar-Preisträger jegliche Elemente aus, die von dem Unglück der handelnden Figuren ablenken könnten. Einzelne Aufnahmen mögen übertrieben nah an den Schauspielern sein, könnten sich mehr an visuelle Konventionen orientieren, ohne die Intention hinter der Gesamtgestaltung dieser Musicaladaption zu untergraben. Trotzdem wohnt der Inszenierung ein gedankenreiches sowie effektstarkes Konzept inne, welches «Les Misérables» zu einer der interessantesten Musicalverfilmungen der Kinogeschichte macht.
Fazit: Tom Hooper schuf vielleicht nicht die «Les Misérables»-Verfilmung, die jedem vorschwebte, aber er schuf eine der Thematik und Stimmung der Vorlage getreue Kinoadaption mit ambitionierter Vision und emphatischen Schauspielleistungen.