
Vorbehalte darf der Zuschauer dabei wahrlich haben, steht dieser Sender eben nicht für die höchste Qualität bei seinen Formaten wie «Ice Road Truckers» oder «Ax Men». Unterhaltung findet sich hier zuhauf, Anspruch und Geschichtsbewusstsein kommen oft zu kurz. Mit seinem Programm ist History jedoch einer der erfolgreichsten amerikanischen Kabelsender – die spannende Frage also folgt: Würde «Vikings» den populären Weg seichter Unterhaltung ebenfalls gehen oder eher mit langen, komplexen Geschichten punkten wollen?
Zumindest die erste Folge kann darüber noch keinen endgültigen Aufschluss geben. Die Schlachtfeld-Szene zu Beginn lässt eher auf eine Art «Spartacus» schließen, das viel Gemetzel bietet, aber wenig Story. Und die Wikinger als skrupellose Eroberer darstellt, wie wir sie mit unseren Vorurteilen kennen. Damit aber könnte niemand mehr in der heutigen Serienlandschaft punkten, und so orientiert sich Produzent und Autor Michael Hirst («The Borgias», «The Tudors») an einer möglichst authentischen Darstellung der nordischen Völker. „Es ist eine Art Balance zwischen dem historischen Material, der großen allumfassenden Geschichte über die Wikingerkultur und warum sie nach Westen gingen und so weiter, aber wenn du nicht an das echte Leben anknüpfst, kannst du keine Zuschauer gewinnen.“

Solche leisen und großen Momente machen «Vikings» sehenswert, gerade in Kombination mit der immer wieder gezeigten Brutalität: In einer Szene muss sich ein Mann als vermeintlicher Mörder vor dem Stamm verantworten, die Diskussion und Abstimmung über seine Schuld treffen die Wikinger sachlich und demokratisch (!) per Handzeichen – doch kurze Zeit später wird er in „Brot und Spiele“-Manier dem Henker vorgeführt und geköpft, während die Menge frenetisch jubelt.
Um die Familie von Kämpfer Ragnar dreht sich die gesamte erste Folge von «Vikings», die damit einen gänzlich anderen Weg geht als beispielsweise «Game of Thrones» mit seinem riesigen Ensemble gleich zu Serienbeginn. Gespielt wird Ragnar von Travis Fimmel, einem jungen Schauspieler, der als Adjutant von Patrick Swayze in der Krimiserie «The Beast» bereits brillante Serienarbeit abgeliefert hat. Auch die anderen Hauptdarsteller überzeugen, auch wenn die Charakterausarbeitung insgesamt trotz der starken Fokussierung nicht vollends gelingt.

Noch etwas eintönig in der Story und den Dialogen, dafür aber visuell und historisch sehr beeindruckend ist dieser Auftakt von «Vikings», der laut Kritikern im Vergleich zu den nächsten Episoden eher durchschnittlich ausfällt. Die Serie schafft es jedoch von Beginn an, eine dichte Atmosphäre zu kreieren. Dazu tragen die authentischen Kostüme und Sets bei, auch die vielen gezeigten Rituale des Wikingerstammes – darunter nicht nur das angesprochene Volksgericht samt Henkerstod und das Männlichkeitsritual, sondern auch traditionelle Festgelage, ersuchte Prophezeiungen der Götter bei den Geistlichen, Visionen der Männer.
Man kann sich also fallen lassen in diese Welt der uns so unbekannten Wikinger. Gerade dies macht vielleicht die gewisse Faszination an «Vikings» aus: Große, erwachsene Seriengeschichten über diese Völker gab es bisher nicht, umso spannender ist die Entdeckung dieses neuen Weges abseits der breitgetrampelten Serienpfade.