
Mit dem unkonventionellen Tim Mälzer und seiner vermittelten Einfachheit des Kochens traf VOX dann den richtigen Zuschauernerv. Das «Kochduell» wurde als werktägliche Show abgesetzt, Mälzer durfte ab März 2004 jeden Vorabend den Kochlöffel schwingen – mit riesigem Erfolg: Über 1,5 Millionen Zuschauer hatte das Format im Schnitt, eine wahnsinnige Reichweite für den damals noch kleinen Privatsender. Mit diesen Zahlen wurde «Schmeckt nicht, gibt’s nicht!» auf Anhieb zur erfolgreichsten Kochshow im deutschen Fernsehen, vor allem beim jungen Publikum. Mit acht Prozent bei den werberelevanten Zuschauern erschloss Mälzer eine ganz neue Zielgruppe, die TV-Köche wie Johann Lafer oder Alfred Biolek zuvor kaum erreicht hatten.

Aber wie kommt es dann, dass immer weniger Menschen selbst richtig kochen, weil sie keine Zeit haben oder es nicht können? Weshalb wird nur noch in jedem dritten Haushalt regelmäßig gekocht, während ein Fünftel der Bundesbürger mehrmals pro Woche eine Kochsendung einschaltet? Warum steigen die Absatzzahlen für Convenience-Produkte – also einfach zubereiteter Fertigspeisen – immer weiter an, und gleichzeitig erfahren Kochshows in den letzten Jahren einen solch enormen Publikumszuspruch? „Es ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Erfüllung, die die Zuschauer vors Kochfernsehen locken“, sagte Johann Lafer 2008 in einem Interview mit dem „Spiegel“. Wenn jemand im TV koche, so Lafer, habe das etwas von Ersatzbefriedigung. „Trotzdem wäre es schön, wenn unsere Bemühungen von etwas mehr Erfolg gekrönt wären und mehr Zuschauer dadurch wieder Freude am Kochen finden würden.“
Ähnlich argumentiert US-Starkoch Anthony Bourdain, der mit seinem Sachbuch «Kitchen Confidential» im Jahr 2000 berühmt wurde. Kochshows vergleicht er mit Pornographie: „Beides zeigt Menschen, wie sie etwas tun, was die meisten Zuschauer zuhause nie tun würden.“ Trotzdem präsentierte Bourdain mehrere Kochshows, arbeitet mittlerweile für CNN als kulinarischer Reisereporter. Die emotionale Ersatzbefriedigung, die das mediale Kochen vermitteln soll, scheint einleuchtend. Schließlich ziehen viele Genres ihren Erfolg aus der Tatsache, dass sie unsere Wünsche über den Bildschirm trapsortieren – Reisedokumentationen mit dem Wunsch nach Ferne oder Horrorfilme mit dem Wunsch nach Nervenkitzel.
Aber ist es das Phänomen wirklich so einfach zu erklären? Schließlich hat das Kochen als Thema zahlreiche Genres unterwandert, wie anfangs gezeigt: Christian Rach testet Restaurants in Realityshows, baut eigene Kochschulen auf. Sender casten junge Hobbyköche und lassen sie gegeneinander antreten. Horst Lichter und Sarah Wiener begeben sich auf kulinarische Abenteuerreisen und präsentieren Kochen als Kultur. Im «perfekten Dinner» schauen wir in die Wohnungen fremder Menschen und beobachten, wie sie mit anderen fremden Menschen zusammen speisen. Und in Wissens-Entertainmentsendungen wie «Galileo» oder «Abenteuer Leben» wird hinter die Kulissen der Lebensmittelherstellung geblickt und das Kochen bis zum Extrem getestet: mit XXL-Schnitzeln bei Jumbo Schreiner oder Rezept-Experimenten bei Dirk Hoffmann wie der Blutwurst-Lasagne und dem Popcorn-Cola-Kuchen.

Und schließlich porträtieren die Köche den klassischen Aufstiegstraum vom Tellerwäscher zum Millionär: Wer Erfolg hat und hart arbeitet, kann es schaffen – wie Horst Lichter, der als Bergmann schuftete und im Alter von 28 Jahren einen Herzinfarkt überlebte. Oder Christian Rach, der die Uni schmiss, als Kellner im Gastronomiebetrieb Fuß fasste und heute in seinen Shows als erfolgreicher Manager und Sanierer auftritt. Viele TV-Köche dienen so als klassische Vorbilder – wie vor Jahrzehnten die Hausfrau in der Fernsehwerbung und die trockenen TV-Köche. Mit einem kleinen, großen Unterschied: Die damaligen Gastronomen war nur Mittel zum Zweck des eigentlichen Themas: des Kochens. Heute ist das Kochen selbst nur Mittel zum Zweck der genannten Ersatzbefriedigungen – und die medialen Kochstars sind ihre personifizierten Repräsentanten.