Zur Person: Oliver Kalkofe
Oliver Kalkofe wurde 1965 in Hannover geboren und ist in Peine aufgewachsen. Nach seinem Publizistik-, Anglistik- und Germanistik-Studium in Münster startete der gelernte Fremdsprachenkorrespondent zunächst mit einer satirischen Radioshow. Dank der TV-Satire «Kalkofes Mattscheibe» gilt der Comedian als Deutschlands schärfster Medienkritiker. Die Sendung wurde 1996 mit dem renommierten Grimme-Preis und 1999 mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Seit 2012 gibt es die Neuauflage wöchentlich auf TELE 5.TV-Geschichte schrieb 2014 das Ende von «Wetten, dass…?». Bei uns kritisierten Sie zuletzt das ZDF, das es versäumt habe, das Format zu modernisieren. Wie gelingt es dem Fernsehen weiterhin ein Lagerfeuer 2.0 zu generieren?
Früher gab es das so genannte Lagerfeuer-Fernsehen, weil es meist nur eine Feuerstelle im Haus gab und wenn es sich überhaupt mal behaglich zu brennen bequemte, mussten sich alle davor versammeln, man hatte keine andere Wahl. Heute kann jeder seine Flamme selber anmachen, wann und wo und wie er will. Es gibt keinen Grund mehr, alle Generationen gleichzeitig zusammen zu zwingen, man muss die Programme daher individueller auf die entsprechenden Zielgruppen ausrichten. «Schlag den Raab» oder «Joko & Klaas - Das Duell» zeigen eindrucksvoll, dass immer noch ein recht zünftiges, modernes Feuerchen möglich ist. Man muss sich aber vom zwanghaften Großfamilien-Rudel-Event mit Händchenhalten verabschieden, diese Zeiten sind vorbei.
Zu den zehn meist gegoogelten Wörtern 2014 zählt auch das «Dschungelcamp». Wie erklären Sie sich dessen Quotenrekorde?
Egal, was man inhaltlich vom «Dschungelcamp» hält, es ist unbestreitbar im Vergleich zu allen ähnlichen Formaten sehr gut produziert, geschrieben und präsentiert. Schaut man sich dagegen das wesentlich lieb- und gedankenlosere «Promi Big Brother» auf SAT.1 oder katastrophale Ableger wie die «Reality Queens» in Afrika an, sieht man eindrucksvoll, wie man es auch gnadenlos vergurken kann. Der «Dschungel» ist das typische Beispiel für ein „Guilty Pleasure“ des Fernsehens – man will es eigentlich nicht mögen oder anschauen, aber man kann ihm medial nicht entfliehen und wenn man sich darauf einlässt, wird man in den Sog des Irrsinns mitgezogen.
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„Ich wünsche mir mehr Fernsehmacher, die ihre verlorenen Eier wiederfinden, sich trauen, ihrem eigenen Geschmack zu trauen und Programme produzieren, die sie sich auch selber anschauen würden – anstatt immer zu behaupten, das Publikum wäre ja einfach zu dumm dafür.“
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Oliver Kalkofe über seine TV-Wünsche für 2015
„Unterschichten-Fernsehen“ ist ein provokant lustiger, aber im Grunde komplett falscher und diskriminierender Begriff. Es geht mehr um Doofen-Fernsehen – und Blödheit ist kein Privileg der „Unterschicht“. Das natürliche Sträuben gegen die aktive Benutzung des eigenen Gehirns ist in jeder Gesellschaftsschicht vorzufinden. Traurig ist der Trend im TV, immer simpler und dümmer zu erzählen und zu produzieren und damit dem Publikum ganz offen zu zeigen, wie sehr man es verachtet und für wie blöd und anspruchslos man es hält. Ich lebe zwar in der «Mattscheibe» davon, genau dies satirisch zu kritisieren, aber ich könnte sehr gut mit weniger Zynismus der Fernsehmacher leben. Ich liebe gutes Fernsehen und möchte mich wieder mehr über das Medium freuen dürfen – keine Angst, ich finde trotzdem immer noch genug, um nicht arbeitslos zu werden!
Haben Sie schon einmal Kommentare bereut bzw. wie reagieren die Parodierten TV-Gesichter auf Ihre Satire?
Die meisten haben glücklicherweise Sinn für Humor und sind fähig zur Selbstreflexion, das heißt viele können sehr wohl auch über sich selber lachen. Zumindest tun die meisten inzwischen so, da sie gemerkt haben, dass es wesentlich besser ist, auf ironischer Ebene mitzuspielen als beleidigt zu schimpfen. Außerdem zeige ich ja immer vor meiner Parodie den Beweis, da können sich die meisten kaum mehr herausreden.
Was wünschen Sie sich für das deutsche Fernsehen 2015 und was sind Ihre Jahresvorsätze?
Ich wünsche mir mehr Fernsehmacher, die ihre verlorenen Eier wiederfinden, sich trauen, ihrem eigenen Geschmack zu trauen und Programme produzieren, die sie sich auch selber anschauen würden – anstatt immer zu behaupten, das Publikum wäre ja einfach zu dumm dafür. Ich würde mir auch endlich mal wieder ein paar tolle deutsche Serien wünschen, vielleicht sogar mal aus einem anderen Genre als Krimi oder «Schmunzelkrimi». Und ich würde mir wünschen, dass endlich offen über den Irrsinn der imaginären Quote diskutiert und im Folgeschritt eine neue vernünftige Maßeinheit für Medien-Nutzung geschaffen wird. Meine persönlichen Vorsätze sind wahrscheinlich die gleichen wie bei den meisten Menschen: Mehr essen, weniger Sport und vielleicht endlich mit dem Rauchen anfangen! (lacht)
Vielen Dank für das Interview und alles Gute für 2015, Oliver Kalkofe.
Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
28.12.2014 02:11 Uhr 1
Was bedeutet dieser Satz? Hab schon oft gelesen, dass Kalkofe sich über die Quote auslässt. Dachte allerdings die Quotenerhebung stünde immer über jeder Kritik. Oder ist das damit gar nicht gemeint?