Filmfacts «Into the Woods»
- Regie: Rob Marshall
- Darsteller: Meryl Streep, Emily Blunt, James Corden, Anna Kendrick, Chris Pine, Tracey Ullman, Christine Baranski, Johnny Depp, Lilla Crawford
- Drehbuch: James Lapine
- Produktion: Rob Marshall, John De Luca, Marc Platt, Callum McDougall
- Musik: Steven Sondheim
- Kamera: Dion Beebe
- Schnitt: Wyatt Smith
- Kostüme: Colleen Atwood
- Ausstattung: Dennis Gassner, Anna Pinnock
- Laufzeit: 124 Minuten
- FSK: ab 6 Jahren
Die Kinoadaption verändert zwar manche Details, im Großen und Ganzen bleibt der Disney-Film seiner Vorlage aber treu: Es war einmal in einem weit entfernten Königreich, da versuchte ein gutherziges Bäckerpaar (James Corden und Emily Blunt) vergeblich, eine Familie zu gründen. Wie die sich liebenden Eheleute erfahren, kann die Bäckerin deshalb kein Kind zur Welt bringen, weil auf ihrem Haus ein Fluch liegt. Die dafür verantwortliche Hexe (Meryl Streep) bietet an, diesen rückgängig zu machen, wenn das Paar ihr im Gegenzug innerhalb von drei Tagen vier besondere Dinge beschafft: Eine Kuh so weiß wie Milch, Haare so gelb wie Mais, einen Umhang so rot wie Blut und einen Schuh aus reinem Gold. Selbstredend zeigt sich die Hexe nicht aus purem Mitgefühl so kooperativ: Mittels dieser Gegenstände könnte die Hexe in der Nacht des blauen Mondes einen Zauber umkehren, der auf ihr selber lastet.
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Die Walt Disney Studios sind ebenso sehr die ideale Produktionsstätte für eine «Into the Woods»-Verfilmung, wie sie die wohl ungewöhnlichste Heimat für dieses Projekt darstellen. Einerseits weißt der Disney-Konzern mehr als jeder andere Unterhaltungsgigant eine lange, stolze Riege an Märchen-Adaptionen auf: Viele Jahrzehnte, bevor Lapine und Sondheim die Geschichten nach ihrem Willen ummünzten, wurde ihr Bild nachhaltig durch Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney modelliert. Andererseits verschreiben sich Disney-Märchenklassiker üblicherweise einer klaren Trennung zwischen Gut und Böse – was in der Vision der intellektuellen Musicalmacher Sondheim & Lapine nur in äußerst beschränktem Maße der Fall ist. Insofern überrascht es kaum, dass die Initialzündung zu dieser Leinwandproduktion nicht aus den Disney-Studios stammt, sondern das Projekt erst an sie herangetragen werden musste.
Die Filmversion von «Into the Woods» ist ein Passionsprojekt des Regisseurs Rob Marshall, der sich nach dem Publikums- und Kritikererfolg von «Chicago» mit Sondheim zusammensetzte und ihm gegenüber beteuerte, förmlich danach zu brennen, eines seiner Stücke ins Kino zu bringen. Sondheim selbst äußerte den Wunsch, dass sich Marshall an einer Adaption seines Märchenmusicals versucht – eine Bitte, die der «Die Geisha»-Regisseur nicht ausschlagen konnte. Dennoch zogen mehrere Jahre ins Land, bis Marshall einen Ansatz fand, wie er die Vorlage neu aufziehen und für ein neues Publikum sowie ein anderes Medium filtern könnte. Erst 2011 gab ihm eine Ansprache Obamas den entscheidenden Denkanstoß – in seiner Rede zum 10. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center verwendete der US-Präsident eine Formulierung, die auch zu den Schlüsselsätzen des Sondheim-Bühnenstücks zählt. Daraufhin entschloss sich Marshall, mit seiner Film-Neuinterpretation von «Into the Woods» ein Märchen für die Generation nach 9/11 zu erschaffen. Wohlgemerkt nicht in dem Sinne, dass es als dumpfe Metapher auf den US-Krieg gegen den Terror dienen sollte, sondern als emotionale Reaktion.
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Dies dürfte wohl auch an Rob Marshalls Gespür für Storytelling liegen, schließlich inszenierte er mit «Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten» bereits ein aufwändiges Abenteuer, das zwar längst nicht allen Disney-Traditionen treu untergeben ist, aber auch nicht gänzlich gegen sie Sturm läuft. Wie in Jack Sparrows viertem Beutezug vermengt der Emmy-Preisträger in «Into the Woods» munter diverse Tonfälle. Statt eines märchenhaft angehauchten Fantasy-Action-Abenteuers mit selbstironischen Zügen präsentiert Marshall nunmehr einen soghaften Streifzug durch realistische, comichafte und dramatisch-raue Neudeutungen berühmter Märchenpassagen, begleitet von süffisantem, selbstironischem sowie zynischem Witz. Seine Vision, «Into the Woods» als Post-9/11-Märchen umzudeuten konsequent verfolgend, drosselt Marshall die Schlagzahl an Gags der Musicalvorlage, opfert vor allem groteske oder verquere Lacher. Gleichwohl lässt er einige der gehässigen, nebensächlichen Schicksalsschläge des Originals aus. So wird Marshalls und Disneys «Into the Woods» zu einer nachdenklich-bittersüßen Angelegenheit, im Gegensatz zur himmelhochjauchzenden, zu Tode betrübten Vorlage.
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Besagter Grundsatz gilt, bei Sondheim eigentlich selbstredend, auch für die Musik. Der «Sweeney Todd»-Komponist steht für vielschichtige Kompositionen, treibende Akzentverschiebungen, abgehackte Melodien und sich allmählich entfaltende Motive – also für einen Klang fernab des Musical-Mainstreams. Für Sondheim-Jungfrauen könnte «Into the Woods» deshalb anfangs einem Kulturschock gleichen – wer aber offen für diese Erfahrung ist oder eh schon Sondheim-Erfahrung hat, wird mit einem hypnotischen, den Verstand herausfordernden, tiefe Gefühle weckenden Erlebnis belohnt.
Erfreulicherweise stellt sich Marshall in den Dienst der gewaltigen, komplexen Lieder: Setzte er sein vorhergegangenes Filmmusical «Nine» wie ein fiebriges, rasantes Arthouse-Musikvideo um, drosseln er und Cutter Wyatt Smith das Tempo ihrer nun Bildsprache ungemein. Zwar legen sie im ausführlichen Prolog mittels einer fesselnden Parallelmontage eine zügige Geschwindigkeit zu Tage, danach ist «Into the Woods» aber längst nicht so kinetisch wie von Marshall gewohnt. Die Kameraarbeit unterstützt dies; aufwändige Schwenks erfolgen nur in raren Momenten, in denen sie einen hohen Mehrwert haben und nicht von den schauspielerischen Leistungen ablenkt.
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Die vielleicht gravierendste Änderung gegenüber der Bühnenversion ist eh, dass der Erzähler nicht weiter eine eigenständige, über den Dingen schwebende Figur ist. Aber auch diese Differenz zwischen Bühne und Film hat ihren Sinn und Zweck – zumal sie unterstreicht, dass Märchen seit jeher weitererzählt und umgedichtet wurden. Es ist eine Gepflogenheit, die noch vor Sondheim, vor Walt Disney und selbst vor den Gebrüdern Grimm ihren Anfang nahm – und die allein schon wegen solcher Bravourleistungen wie «Into the Woods» niemals aussterben sollte.
Fazit: Ein Disney- und Märchenfilm wie kein anderer! Gewiss nicht jeder wird Zugang zu diesem kuriosen Kunststück finden. Doch anspruchsvolle Musik, ein umwerfender Look und eine clevere Story mit immenser Sogkraft machen «Into the Woods» zu einem klaren Muss für Musicalfans!
«Into the Woods» ist ab dem 19. Februar 2015 in vielen deutschen Kinos zu sehen.