Filmfacts «Elser – Er hätte die Welt verändert»
- Regie: Oliver Hirschbiegel
- Produktion: Boris Ausserer, Fred Breinersdorfer, Oliver Schündler
- Darsteller: Katharina Schüttler, Christian Friedel, Burghart Klaußner, Michael Kranz, Manfred-Anton Algrang, Felix Eitner
- Drehbuch: Léonie-Claire Breinersdorfer, Fred Breinersdorfer
- Musik: David Holmes
- Kamera: Judith Kaufmann
- Schnitt: Alexander Dittner
- Laufzeit: 110 min.
- FSK: ab 12 Jahren
Und dennoch: Die Vorstellung, dass Filmemacher weltweit die NS-Zeit nach Tarantinos fulminantem Weltkriegs-Spaghettiwestern-Exploitation-Drama tatsächlich als verbrannte Erde ansehen, blieb eine utopische. Weder verfiel die Kinowelt unmittelbar nach Veröffentlichung der Geschichtsmär in eine Schockstarre, noch ist in Jahr sechs nach «Inglourious Basterds» eine Flaute zu vermelden. Obwohl diese neuen Historienfilme über die NS-Jahre ein bloßes Addendum darstellen, bedeutet es aber nicht, dass sie alle vergessenswert sind.

Hirschbiegel nutzt seine sich erst nach dem Abgang des filmisch mundtoten Hitlers entfaltende Erzählung vielmehr, um sogleich auf mehrerer Ebene Korrektur folgen zu lassen. So rücken er und die Drehbuchautoren Léonie-Claire & Fred Breinersdorfer beruhend auf jüngeren geschichtsschreiberischen Erkenntnissen das öffentliche Bild der historischen Persönlichkeit Georg Elser gerade. Elser ist in der Bundesrepublik nahezu unbekannt, und viele, die sehr wohl von ihm wissen, erachten ihn aufgrund seiner bisherigen Darstellung oftmals als eigenbrötlerischen, etwas tumben Trotzkopf. «Elser – Er hätte die Welt verändert» zeichnet ein ganz anderes Bild des schwäbischen Schreiners, der am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller eine selbstgebaute Bombenkonstruktion versteckte, um die gesamte NS-Führungsriege auszulöschen.
Bekanntlich ging der Plan schief: Hitler verließ das Gebäude 13 Minuten früher als von Elser erwartet und entkam so der Detonation. Elser indes wurde während seiner Flucht in die Schweiz gefasst und daraufhin von den Schergen des Regimes nach Berlin gebracht. Obwohl er seine Tat gestand, verhören ihn die Nazis weiter, folterten ihn, weil sich sein Geständnis, als Einzeltäter gehandelt zu haben, nicht in ihr Weltbild fügte …
Während der Leinwand-Elser die höllischen Foltermethoden des Reichskriminalamts und der Gestapo über sich ergehen lässt, zeigen Rückblenden, wie es so weit kommen konnte, dass ein einzelner Mann, noch dazu einer mit friedfertigem Gemüt, das erste bedeutende Attentat auf Hitler versuchte. Das gern genutzte narrative Mittel der in eine Verhörsituation eingestreuten Rückblenden ist sogleich die einzige große Schwäche dieses Dramas: Dadurch, dass «Elser – Er hätte die Welt verändert» nicht auf einen durchgängigen, chronologischen Erzählstrang setzt, sondern zwei Handlungsfäden spinnt, rauben die Autoren ihrer Erzählung Potential. Die Spannungsentwicklung wird aufgrund der Unterbrechungen durch die jeweils andere Zeitebene (Elsers Gefangenschaft einerseits, andererseits die Entwicklung, die ihn zum Bau der Bombe trieb) mehrmals zurückgehalten, wodurch dem Publikum auch vermehrt Möglichkeit zur emotionalen Distanzierung gegeben wird. Diese Ruheinseln sind angesichts des Gezeigten zwar sehr klein, trotzdem würde sich die Wirkungsintensität dieser Kinorpoduktion bei einer chronologischen Erzählweise wohl um ein Vielfaches erhöhen, ohne dass ihr dadurch der Anspruch abhanden käme.

Dass da schäbiges Filmmaterial einer Sportveranstaltung als von Hitler gebrachter technischer Fortschritt umjubelt wird, obwohl in den Straßen deutscher Städte noch einige Monate zuvor über aufwändige Abenteuerfilme diskutiert wurde, ist noch mit Abstand das geringste Merkmal blinden Führungsgehorsams. Amüsiert feixt Elsers Umfeld, wenn Mitmenschen gedemütigt werden, sollten sie nicht der NS-Idelogie entsprechend handeln. Fröhlich haften sich – nahezu – alle an die Fersen des großen Demagogen. Um diesen Verfall aufzuzeigen, streut Hirschbiegel in einige Rückblenden mit verständlich romantisiertem Beiklang Elemente des Heimatfilms ein, um diese dann gewaltvoll zu ersticken. So illustriert der Regisseur, wie die Nationalsozialisten nachhaltig die deutsche Vorstellung von Heimat verschmutzten.
Selbst in den Verhörszenen, welche strukturell klar vom Erzählfaden über die Nazifizierung der Gesellschaft abgegrenzt sind, findet sich das Thema des Mitläufertums und Wegschauens wieder. Denn noch drastischer als die schonungslos gefilmten Folterungen Elsers stellt Hirschbiegel die Routine dar, die sich bei den Tätern und Mitwissern breit machte. Wie selbstverständlich verlässt die Protokollantin den Raum, ehe die Gestapo ihre Werkzeuge auspackt, woraufhin die junge Frau direkt vor der Tür sitzend ein Buch liest. Hirschbiegel zeigt die empathielos ihre Arbeitspause ausnutzende Dame in einer quälend langen Einstellung, während überdeutlich das brutale Schauspiel aus dem Verhörzimmer schallt. Abgesehen von Elser, der in den Rückblenden die ideologische Wandlung seiner geliebten Heimat nicht weiter aushält, treibt es sonst nur Reichskriminaldirektor Arthur Nebe irgendwann zu einem unerwarteten Gefühlsausbruch: Ihm reißt ob Elsers bestechenden Weisheiten der Geduldsfaden, und dank Burghart Klaußners packendem Spiel sieht man als Zuschauer, wie sich der zuvor so moderate Nebe an einem gewissen Punkt nur noch in gallende Wut flüchtet.
So wenig schmeichelhaft «Elser – Er hätte die Welt verändert» ist, so aktuell ist er. Die Verhörmethoden, die gezeigt werden, sind mancherorts noch immer alltäglich und eine bedauerliche Tendenz zum sturen Mitläuferdasein ist in unserer Gesellschaft weiterhin zu beobachten. Dass Hirschbiegel und Kamerafrau Judith Kaufmann die detailgenauen Kostüme und Schauplätze ihres Films eben nicht in ein genretypisch schattiges Licht setzen, sondern ihr Werk wie eine kontemporäre Geschichte ausleuchten, verstärkt die Unmittelbarkeit der mitschwingenden Aussagen.

Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds» mag die Idee, man könne durch eine unendliche Flut an NS-Geschichtsfilmen weiterhin neue Lektionen von Belang lernen, in Schutt und Asche gelegt haben. Solange aber das cineastische Postskriptum zu diesem Themenkomplex aus Filmen wie «Elser – Er hätte die Welt verändert» besteht, gibt es kaum etwas zu beklagen.
Fazit: Intensiv, beklemmend und verdammt gut gespielt: «Elser – Er hätte die Welt verändert» ergänzt die ungeheuerlich lange Reihe an Nazidramen trotz Mängeln in der Erzählstruktur um einen aktuellen, klugen und tonal ausgewogenen Film.
«Elser – Er hätte die Welt verändert» ist ab dem 9. April 2015 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.