Filmfacts «Snowden»
- Regie: Oliver Stone
- Produktion: Moritz Borman, Eric Kopeloff, Philip Schulz-Deyle, Fernando Sulichin
- Drehbuch: Kieran Fitzgerald, Oliver Stone; basierend auf den Sachbüchern von Luke Harding und Anatoly Kucherena
- Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Zachary Quinto, Tom Wilkinson, Scott Eastwood, Logan Marshall-Green, Timothy Olyphant, Ben Schnetzer, LaKeith Lee Stanfield, Rhys Ifans, Nicolas Cage
- Musik: Craig Armstrong
- Kamera: Anthony Dod Mantle
- Schnitt: Alex Marquez, Lee Percy
- Laufzeit: 134 Minuten
- FSK: ab 6 Jahren
Dies dürfte Kenner des mehrfachen Oscar-Preisträgers keinesfalls überraschen, nutzt dieser das Filmmedium doch seit jeher offen dazu, seine politischen Sichtweisen zu erläutern. Wenn er nicht gerade explizit seine Zeit an der Front im Vietnamkrieg verarbeitet, dann kreiert Stone meist Szenarien, die von den Folgen dieses Nationaltraumas handeln. Oder er setzt seine Vietnamerfahrungen in einen modernen Kontext – so in diesem Politdrama: Die von Joseph Gordon-Levitt («(500) Days of Summer») mit Bravour gespielte Leinwandinterpretation Snowdens ist nämlich ein Protagonist, der sich bis zu gewissem Grade als politischer Zwilling Stones bezeichnen lässt.
Vom kampfbereiten Fahnenschwenkerpatrioten zum kämpferischen Patriotismus-Idealisten
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Parallel dazu lernt Snowden die George W. Bush kritisierende Fotografin Lindsay Mills (Shailene Woodley) kennen, durch die der sein Land nie hinterfragende Patriot Einblick in ein anderes Verständnis von Vaterlandsliebe erhält: Mills glaubt, dass Amerika für Ideale steht, die im Kampf gegen den Terror ins Hintertreffen gerieten. Schritt für Schritt eignet sich Snowden diese Sichtweise an, während die US-Geheimdienste immer unsensibler mit Daten umgehen ….
- © Universum Film
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Dadurch ergibt sich im stressigen Zusammenspiel mit seiner Freundin Mills sowie den mal zurückhaltenden, mal herrischen Verhandlungen mit den Journalisten in der Rahmengeschichte ein umfangreiches, Ecken und Kanten aufweisendes Psychogramm. Wegen dieser charakterbezogenen Erzählweise ist «Snowden» auch für Kenner der deutlich informativeren Dokumentation «Citizenfour» sehenswert, zieht Stone die Geschichte doch von einer persönlicheren und somit emotionaleren, wenngleich auch befangenen Seite auf.
Anfeuernde Inszenierung, doch nicht vollkommen manisch
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Abgesehen davon, wenn Snowdens Epilepsie den Erzählfluss ausbremst oder sein früherer Vorgesetzter via übergroßer Chatübertragung völlig unsubtil den Großen Bruder gibt, konzentriert sich Stone darauf, seine Mimen ins richtige Licht zu rücken. Neben Gordon-Levitt besticht etwa Nicolas Cage als technikvernarrter, aber kritisch seinen Arbeitgeber hinterfragender Mentor Snowdens – bedauerlicherweise verschwindet Cages Rolle schon kurz nach ihrer Einführung, dennoch hinterlassen seine feurigen, trocken-humorigen Dialogzeilen bleibenden Eindruck. Auch Melissa Leo macht viel aus ihren übersichtlichen Szenen als von Snowden faszinierte Dokumentarfilmerin, genauso wie die zahlreichen Arbeitskollegen Snowdens im Laufe seines Werdeganges auf effektive Weise eine große Bandbreite von geltungssüchtig über betriebsblind bis hin zu nerdig-albern abdecken und stets eine gute Leinwandchemie mit Gordon-Levitt aufweisen.
Trotz der Begleitung durch einen elektrisierenden Soundtrack zieht sich «Snowden» gegen Ende jedoch: Nach dem (stark fiktionalisierten, sehr spannenden) NSA-Datenklau des Whistleblowers und seiner auf ihre Eckpunkte reduzierten Flucht quer um den Erdball fasst Stone die Aussagen seines Dramas nicht griffig genug zusammen, um es auf seinem gefühlten Höhepunkt zu beenden. Ein ungelenker Cameo des realen Snowdens nimmt zudem dem Abschluss etwas von seiner Emotionalität – dennoch stellt «Snowden» eine Rückkehr des alten, polemisierenden, meinungsstarken Oliver Stone dar, der seine Position in einen charaktergestützten, aufreibenden Film zu formen versteht.
Fazit: Dramatisch, gut gespielt und sehr subjektiv: «Snowden» ist ein waschechter Oliver-Stone-Film.
«Snowden» ist ab dem 22. September 2016 in vielen deutschen Kinos zu sehen.
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